Balkonkraftwerke liefern nachhaltigen Solarstrom für die Grundlast in Haus und Wohnung, die Energiespender am Balkon oder der Hausfassade sind in Mode, selbst Discounter bieten für ein paar hundert Euro die Mini-Photovoltaikanlagen an. Sie bestehen meist aus einem oder zwei Solarpaneelen für Hauswand, Vorgarten oder Balkonkasten sowie einem Wechselrichter. Anschrauben und einstöpseln, dann speist das Mikro-Kraftwerk Strom ins Hausnetz ein. Doch kann man damit auch das eigene Elektroauto wieder aufladen?
Die kurze Antwort ist: Nein. Allein mit Strom aus einem Balkonkraftwerk lässt sich ein E-Auto nicht aufladen. Aber warum ist das so? Und wie viele Balkonkraftwerke bräuchte man, um eine Schnellladesäule zu ersetzen? 

Solarpaneel liefert unterm Strich zu wenig Leistung

Die Idee, ein Elektroauto per Balkonkraftwerk zu laden, zerbröselt bei einem Blick auf die benötigten Leistungsdaten. Ein typisches Elektroauto lädt an einer Haushaltssteckdose mit 2300 Watt (10 Ampere x 230 Volt) oder 3680 Watt (16 A x 230 V). Eine Wallbox hat da um einiges mehr Power: Sie lädt bereits mit 7000, 11.000 oder 22.000 Watt (entsprechend bis zu 22 Kilowatt). Aktuell liefert ein Balkonkraftwerk maximal 600 Watt – und auch die neue Grenze von 800 Watt ändert kaum etwas an der Rechnung. Das ist nur ungefähr ein Viertel bis ein Fünftel der Ladeleistung, die aus der Steckdose kommt.

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Eine Ladung in einem halben Jahr unter idealen Bedingungen

Das Balkonkraftwerk sorgt also allenfalls dafür, dass man bei Sonnenschein während des Ladens bis zu 600 (beziehungsweise 800) Watt weniger Strom aus dem Netz verbraucht. Beispielrechnung: Die Akkukapazität eines Elektroautos liegt je nach Modell etwa zwischen 20 und 100 kWh. In den Akku eines Kia EV6 zum Beispiel passen etwa 77,4 kWh. Ignoriert man der Einfachheit halber Ladeverluste und Nettokapazität der Batterie, dauert das Laden des Kia-Akkus per Balkonkraftwerk somit: 77.400 Wh : 600 W = 129 Stunden.
Das entspricht rein rechnerisch mehr als fünf Tagen. Aber in der Realität dauert der Vorgang viel länger, weil kein Balkonkraftwerk 129 Stunden am Stück die maximale Leistung liefert. Angenommen, die Ladeelektronik würde es ermöglichen, das Auto schon mit kleinsten Mengen Strom vom Balkonkraftwerk zu laden, entspräche das dem Ertrag einen ganzen Monats – und zwar eines sonnigen Monats! Im schlechtesten Fall braucht ein Balkonkraftwerk mit nur einem Modul von September bis Februar, um diese Energiemenge zu liefern – ein halbes Jahr!

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Ganz anders sieht die Sache an einer HPC-Schnellladesäule aus: Unter idealen Bedingungen lädt der Kia EV6 in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent. Statt 600 Watt fließen maximal 240 kW, also 240.000 Watt. Das entspricht der Leistung von 400 Balkonkraftwerken am Anschlag! Und selbst für die 7 kW einer kleinen Wallbox wären schon 24 Module beziehungsweise zwölf Balkonkraftwerke nötig.
E-Auto an einer Ladesäule für Elektroautos
Um ein Auto schnellladen zu können wie an einer HPC-Ladesäule, bräuchte man die Energie von mindestens 400 Balkonkraftwerken.
Bild: DPA

So könnte man ein Elektroauto mit Solarenergie laden 

Die Beispielrechnungen zeigen: Die Kombination aus Elektroauto und Photovoltaik ist möglich, aber dafür muss geklotzt werden. Der Verbrauch eines modernen E-Autos von 20 kWh/100 km führt bei 10.000 km Fahrleistung ohne Ladeverluste zu einem Jahresverbrauch von etwa 2000 kWh. Eine Photovoltaikanlage mit 10 kWp (Kilowatt Peak) liefert pro Jahr etwa 8000 kWh. Bei einem Haushaltsverbrauch von 3000 bis 6000 kWh bliebe also rechnerisch genug Strom übrig, um eine eigene Solartankstelle zu betreiben.
Solarzellen auf dem Dach
Um ein Elektroauto mit Solarstrom aufzuladen, hilft nur Klotzen: eine große Photovoltaikanlage auf dem Dach ist nötig. Ein Balkonkraftwerk allein ist viel zu klein.
Bild: G. Warnke
Ein gutes PV-Energiemanagement sollte dafür sorgen, dass der Überschuss, der sonst ins Stromnetz eingespeist werden würde, über die Wallbox in das E-Auto gelangt. Mit jeder kWh, die Sie ins Auto laden, nutzen Sie eigenen Strom im Gegenwert von rund 40 Cent pro kWh, für dessen Einspeisung Sie andernfalls nur wenige Cent bekämen.
NEDO, Sharp und Toyota solar Prius PHV
Marketing-Gag: Toyota bietet seit 2021 den Prius Plug-in-Hybrid mit optionalem Solardach aus. Es spendet Strom für 1000 Extra-Kilometer pro Jahr, so der Hersteller.
Bild: Toyota

Das Elektroauto übernimmt also die Rolle eines (teuren) Stromspeichers. Aber sobald das Auto tagsüber nicht da oder der Akku voll ist, geht die Solarrechnung schon nicht mehr auf. Obendrein erzeugt eine PV-Anlage im Sommer tendenziell eher zu viel und im Winter viel zu wenig Strom. Außerdem funktioniert das Überschuss-Laden in der Praxis erst ab 6 Ampere (entspricht 1,4 kW). Mit Jahresdurchschnittswerten sollten Sie sich die Sache also keineswegs schönrechnen. Andererseits gibt es zusätzliche Einnahmen mit der PV-Anlage aus der THG-Quote.

Fazit

Das Elektroauto per Balkonkraftwerk laden? Schöne Idee, aber praktisch nicht zu realisieren. Balkonkraftwerke sind dafür gedacht, die Grundlast zu senken und kleinere Verbraucher zu versorgen. Ein Elektroauto ist aber ein Großverbraucher. Ein Balkonkraftwerk zum Laden zu verwenden wäre dasselbe, als wolle man ein Fußballstadion mit einem Teelicht erhellen. Um das Elektroauto mit selbst erzeugter Sonnenenergie zu fahren, braucht man eine ausgewachsene Solaranlage.