Die Technik von Elektroautos ist für viele Autowerkstätten noch Neuland. Doch die Kompetenz wächst rapide. Ein Vorreiter für Reparaturpraxis ist die EV Clinic in Berlin-Tegel. Hier wird mit wissenschaftlicher Gründlichkeit an Instandsetzungsmethodik für E-Autos getüftelt.
Oftmals sind die Experten der EV Clinic sogar den Herstellern voraus. Eine grundlegende Erkenntnis der Tüftler: Akkus sind bei Weitem nicht die störanfälligste Komponente in Elektroautos.

Selbstverständnis als Wissenschaftsprojekt

Wer zur EV Clinic will, muss über ein Flugfeld fahren: Die spezialisierte Fachwerkstatt für Elektroautos liegt auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tegel. Wobei: Eigentlich verstehen Otto Behrend und seine Crew sich nicht als Werkstatt, sondern als wissenschaftliches Projekt. Das Ziel: typische Schadensbilder dokumentieren und daraus Reparaturstrategien für E-Autos entwickeln.
EV Clinic Berlin repariert Elektroautos inklusive Akkus
Otto Behrend von der EV Clinic untersucht mit seinem Team typische Fehler von E-Autos – und findet Lösungen.
Bild: Roland Wildberg
Behrend ist gelernter Mechatroniker und wissenschaftlicher Assistent an der Berliner Hochschule HTW. Die EV Clinic entstand als Ausgründung der Uni. Die häufigsten Anfragen kommen laut Behrend "von Autohäusern, die nicht weiterwissen". 120 E-Autos waren es im ersten Halbjahr 2025, davon etwa ein Drittel Tesla-Modelle. 80 Prozent der Aufträge betreffen zwar die Batterie – die Ursache liegt jedoch oft in anderen Komponenten.

Die besten E-Autos bis 27.000 Euro

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Einzelne Akkuzellen lassen sich tauschen

"Wir bekommen jetzt immer mehr Fahrzeuge, die aus der Garantie fallen." Bis 160.000 km bzw. acht Jahre laufen die meisten Akku-Garantien. Ist ein E-Auto älter und die Kapazität des Energiespeichers unter 70 Prozent gefallen, kommt der Hersteller nicht mehr für einen Ersatz auf. Dann wird eine Reparatur für den Eigentümer interessant. Und Behrend bekommt Post.
Viele Hersteller rufen horrende Preise für Tauschakkus auf. So kostet eine Ersatzbatterie für den Tesla Model S ab 25.000 Euro. Doch im Reparaturbetrieb der EV Clinic liegen die Kosten erheblich niedriger. So sorgte im Frühjahr ein Smart EQ mit defektem Energiespeicher für Probleme. Anstatt den Akku komplett zu wechseln, tauschten Behrend und sein Team lediglich drei schadhafte Zellen – und konnten die Speicherkapazität von 75 auf 95 Prozent erhöhen. Das ist ein normaler Fall – einige defekte Zellen ziehen den gesamten Akku herunter. Am Ende kostete die Reparatur lediglich 900 Euro.

Defekte Klimaanlage kann den Akku schädigen

Vor allem stellt sich heraus, dass die Defekte oft gar nicht im Akku liegen. "Das Thermomanagement spielt in der Alterung eine riesige Rolle", so Behrend. Ein Beispiel ist das Kühlsystem: Bei vielen Elektroautos ist die Temperierung von Batterie und Fahrgastraum ein und dasselbe System. "Da fährt zum Beispiel ein Kunde zwei Jahre mit nicht funktionierender Klimaanlage." Dann altert die Batterie viel schneller, weil sie nicht gekühlt wird.
EV Clinic Berlin repariert Elektroautos inklusive Akkus
Häufig entstehen Fehlfunktionen aus Defekten an winzigen Bauteilen. Herstellerseitig werden dann ganze Baugruppen getauscht – doch das ist unnötig teuer, meinen die Experten der EV Clinic.
Bild: Roland Wildberg
Behrend: "Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, wie wichtig das Thermofenster für die Batterie ist. Zehn Grad Unterschied machen eine Menge aus." Problematisch wirkt sich aus, dass viele Autohersteller ihre Akkus als "Blackbox" konstruiert haben. Sie sind klebeverschweißt, auch zum Schutz vor Feuchtigkeit. Eine Öffnung ist oft nicht vorgesehen und daher "extrem umständlich bis unmöglich".
Eine Empfehlung für Käufer gebrauchter Elektroautos: "Die Klimawartung sollte nachgewiesen sein." Bei älteren Tesla-Modellen sei das ein Problem, weil der Hersteller bis vor wenigen Jahren keine Wartungsintervalle vorgab. So wird ein Elektro-Gebrauchtwagen zum Risikokauf. "Und ein Steinschlag kann ganz schnell passieren, dann ist die Klimaanlage undicht und das gesamte System wird in Mitleidenschaft gezogen."

Onboard-Charger am häufigsten defekt

Nach Erkenntnissen der EV Clinic die häufigste Macke von Elektroautos: "Schadensursache Nummer eins ist der Onboard-Charger", verrät Behrend. Schon allein deswegen, weil die Ladevorrichtung zumeist mehr Betriebsstunden aufweist als das Auto an sich, ist der Verschleiß höher. Die Lader werden aktiv gekühlt, weil beim Stromfluss und -wandel hohe Temperaturen entstehen.
EV Clinic Berlin repariert Elektroautos inklusive Akkus
Für viele Schäden an elektrischen Komponenten existieren noch keine Reparatur-Empfehlungen, da hilft nur Tüfteln.
Bild: Roland Wildberg
Auf dem zweiten Rang der am häufigsten schadhaften E-Auto-Komponenten platziert sich der AC/DC-Wandler, der beim Normalladen für die Umwandlung von Wechselstrom der Ladestation oder Wallbox in Gleichstrom für den Akku zuständig ist. Auch hier entsteht beim Betrieb Wärme, die regelmäßige Erwärmung und anschließende Abkühlung nach Betriebsende erzeugen erhöhten Verschleiß.
Eine bemerkenswerte Parallele zum Verbrenner: Auch hier sind Kühlanlage und Auspuff aufgrund ihrer thermischen Belastung sehr hohem Verschleiß ausgesetzt.

Lager der Elektromotoren verschleißen

Die Problem-Komponente an dritter Position ist laut EV Clinic der Motor. Aber auch hier handelt es sich nicht um die Synchronmaschine an sich, die ist im Prinzip unverwüstlich. "Probleme beim Motor sind in erster Linie Lagerschäden", sagt Otto Behrend. Das gewaltige Drehmoment des Elektromotors sorge hier für hohen Verschleiß.

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Auffällig sind zum Beispiel viele solcher Abnutzungsschäden am Tesla Model S, weil das US-Auto offensichtlich nicht für die hohen Tempi auf deutschen Autobahnen konzipiert wurde. Auch beim Renault Zoe beobachtet die EV Clinic relativ häufig Schäden an Lager und Chassis. Hier wirkt sich außerdem das hohe Gewicht des Akkus negativ aus, das auf dem Fahrgestell lastet.

Tesla Model S mit Konstruktionsfehlern

Erst an vierter Stelle stehen die Akkus selbst. Die sind zum Beispiel bei Tesla Model S der ersten Generation ein Konstruktionsfehler, der häufig für Schäden sorgt. Der Kondensatschlauch der Klimaanlage endet ungeschickterweise direkt auf der Hochvoltsicherung. Das führt über die Jahre zu Korrosion, die über kurz oder lang die Sicherung ausschaltet. Dann rührt sich auch der Akku nicht mehr.
EV Clinic Berlin repariert Elektroautos inklusive Akkus
Der ausgebaute Akku eines Tesla Model S mit Wasserschaden. Ursache ist eine undichte Stelle – ein typischer Defekt.
Bild: Roland Wildberg
"Auch die Akkus von alten Model S haben mit Feuchtigkeit zu schaffen", so Otto Behrend. Ist der Akku undicht, zieht er Wasser. Dann fallen einzelne oder ganze Reihen von Zellen aus. Aber: "Tesla hat eine Montageöffnung am Akku angebracht." Eine Druckprüfung legt hier die Undichtigkeit offen.
Die EV Clinic hat eine Therapie dafür entwickelt: Ventile ausbauen, Akku trocknen lassen, abdichten. Die Korrosion im Akku bleibt dann, aber sie kann sich nicht ausbreiten. So bleibt zumindest der aktuelle Zustand erhalten – das ist billiger als ein neuer Akku.

VW Passat PHEV aus Island angeliefert

Behrend und sein Team merken, dass es an kompetenten Werkstätten für Elektroautos bisher noch mangelt: Sogar aus dem Ausland wenden sich verzweifelte Autofahrer an sie.
"Aus Island meldete sich der Besitzer eines VW Passat Plug-in-Hybrid", sagt Behrend. Der Akku war defekt, ein Tausch hätte laut VW-Preisliste 25.000 Euro gekostet, das wäre ein Totalverlust für den Mittelklassewagen gewesen.
Die EV Clinic konnte den VW wieder flottmachen. Inklusive Transportkosten belief sich die Rechnung auf 4000 Euro.

Fazit

Hier wird Pionierarbeit geleistet: Die EV Clinic macht seit wenigen Jahren das, was eigentlich Aufgabe der Hersteller wäre – sie nimmt Reparaturaufträge von Endkunden an und erforscht bei der Instandsetzung in mühsamer Fehlersuche die Schwachstellen von Bauteilen, für die bisher nicht einmal Zerlegungs-Anleitungen existieren. Dabei werden Reparatur-Schemata entwickelt und – fast nebenbei – verzweifelte Autobesitzer glücklich gemacht. Hut ab!