Reichweitentest im Kia EV2: Wie übertrifft man die WLTP-Reichweite
Kommt man in einem 300-km-Auto auch 400 km weit?
Elektroautos mit einer Akkugröße um 40 kWh gelten als Stadtautos. Schafft man in einem 300-km-Auto auch 400 km? Das zeigt der Reichweitentest im Kia EV2 auf einer Fahrt von Berlin nach Hamburg!
Bild: Matthias Brügge / AUTO BILD
Für längere Strecken ist ein E-Auto mit dickem Akku nötig – das ist eine Stammtischweisheit über Elektroautos. Was dran ist: Ein großer Akku erhöht die Reichweite. Aber was ist, wenn man einige einfache Regeln zum Sparfahren im Elektroauto mit eher kleinem Akku anwendet? Wie kitzelt man mehr Reichweite aus dem Akku heraus?
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Nun fahre ich so, wie es eigentlich jeder tun kann: Achte auf gleichmäßige Fahrt, vermeide ein hohes Spitzentempo und lasse den Wagen rollen, wo immer es geht. Den aktuellen Stromverbrauch behalte ich zu jeder Zeit im Blick, denn kleine Verbräuche auf jeder Teilstrecke münden in einen Miniverbrauch zum Schluss – und führen zu einer größeren Reichweite.

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Die Basiseinstellungen fürs Auto sind denkbar einfach: Eco-Modus ist selbstverständlich. Auch dass eine sehr sanfte, vorausschauende Fahrweise Strom spart, dürfte niemanden überraschen. Mit diesen Regeln zähmt man den Verbrauch:
1. Die Wahl der richtigen Strecke
Wer im E-Auto auf den aktuellen Verbrauch schaut, erkennt sofort: Ab 90 km/h steigt er deutlich an – und da mit steigendem Tempo der Luftwiderstand im Quadrat zunimmt, steigt auch der Stromverbrauch. Da man aber mit Tempo 90 auf der Autobahn ein Verkehrshindernis darstellt, wählte ich eine Strecke über Landstraßen: Maximal Tempo 100, oft auf 70 runterreguliert, in Städten Tempo 50. Das kostet zwar Zeit, spart aber Strom!

Auf einer Sparfahrt ist man voll konzentriert – und es macht Spaß.
Bild: Matthias Brügge / AUTO BILD
2. Topspeed von 90 km/h
Aus Regel eins folgt Regel zwei: Wer das Tempo nach oben begrenzt, kommt mit einer Akkufüllung deutlich weiter. Im Grunde erlaubt das sogar eine einfache Rechnung: Wer langsamer fährt, senkt den Verbrauch und kann dadurch Ladestopps vermeiden – auf Kosten einer längeren Fahrzeit. In meinem Fall bin ich die Strecke ohne Ladestopp durchgefahren. Beim Kia EV2 bedeutet Tempo 90 somit einen Verbrauch von rund 11 kWh auf 100 km.
3. Alle Verbraucher aus!
Auch bei Gluthitze im Sommer: Die Klimaanlage bleibt aus! Selbst auf die Lüftung sollte man verzichten, etwas Fahrtwind bei leicht geöffneten Scheiben bringt Erleichterung. Aber wer die Fenster weit öffnet, erhöht den Luftwiderstand. Also bleibt alles aus, was Strom kostet – den Strom braucht man für die Reichweite. Die positive Seite der Testfahrt bei Temperaturen zwischen 23 und 28 Grad: Das ist die Wohlfühltemperatur für den Akku, hier gibt er die meiste Leistung ab.
4. Richtig sparfahren: segeln statt rekuperieren
Der wichtigste Tipp dreht sich um die Fahrweise: Wann immer es geht, sollte man das Auto rollen lassen. Das ist meine persönliche Erfahrung nach mehreren Sparfahrten mit Mini-Verbrauch, etwa im Opel Grandland oder im Kia EV4. Also den Fahrregler auf "N" wie neutral stellen, beispielsweise bei jedem Gefälle. Ideal ist, wenn das Auto dann das Tempo hält oder nur leicht verliert. Die Anzeige für den aktuellen Verbrauch zeigt dann null, im Schnitt sinkt der Verbrauch.

Der Hebel zum Sparen: Mit dem Fahrregler kann man während der Fahrt das Auto in "Neutral" stellen, das spart Strom beim Rollen und erhöht die Reichweite.
Bild: Matthias Brügge / AUTO BILD
5. Gleichmäßiges Rollen
Aus Regel vier ergibt sich Regel fünf: gleichmäßig rollen ohne starkes Beschleunigen, möglichst ohne zu Bremsen. Das senkt den Verbrauch, bedeutet aber auch extrem vorausschauendes Fahren, Rollenlassen des Autos, wenn sich eine rote Ampel zeigt, Ausrollenlassen bei Landstraßentempo, wenn sich Tempo 50 abzeichnet. Und wenn wirklich gebremst werden muss, nutzt man die Gelegenheit zum Rekuperieren.
6. Niemals nachlassen in der Konzentration
Hier die vielleicht schwierigste Regel: Einfach so das Tempo halten und fahren wie immer, das geht nicht. Neben den üblichen Regeln zum StVO-konformen Fahren muss man noch dazu permanent den aktuellen Verbrauch, die Strecke, das Gefälle der Straße und die Möglichkeit zum Neutral-Fahren prüfen. Bin ich zu schnell, zu langsam, kann ich rollen? Das fordert ein spezielles Maß an Konzentration – über die gesamte Fahrtzeit.

Nach rund acht Stunden (abzüglich Pausen) war es so weit: 401,7 km sind gefahren, im Akku ist noch Strom für weitere 19 km. Geht noch mehr?
Bild: Matthias Brügge / AUTO BILD
Bilanz der Sparfahrt: 424 Kilometer bei einem Verbrauch von 9,7 kWh auf 100 km
Obwohl an reiner Fahrzeit mehr als sieben Stunden ins Land gingen, kann der Fahrbericht kurz ausfallen. Im Stadtverkehr lag der Verbrauch noch bei 12 kWh/100 km, doch noch innerhalb der Berliner Stadtgrenzen fiel er auf unter elf. Im Verlauf der weiteren Fahrt, immer unter striktem Einhalten der Sparregeln, sank der Wert in der Anzeige. Kurz vor Hamburg stand er bei 9,7 kW/h auf 100 km.
Gut, da war das Auto dann komplett leer. Aber schließlich wollte ich ja wissen: Wie weit kommt denn der? Die Antwort: Mit einer Akkufüllung kommt der Kia EV2 424 Kilometer weit, wenn man es drauf anlegt. Wenn man etwas Reserve einplant sind 400 km drin – auf die exakte Prognose des Bordcomputers konnte ich mich im Test verlassen.

Fotobeweis der Sparfahrt: Der Energieverbrauch ganz rechts zeigt einen Durchschnittsverbrauch laut Bordcomputer von 9,7 kWh auf 100 Kilometer – bei einer Gesamtstrecke von 424 Kilometern.
Bild: Matthias Brügge / AUTO BILD
WLTP-Reichweite um gut ein Drittel überboten
Unterm Strich bedeutet das nicht weniger als ein Unterbieten des WLTP-Verbrauchs von 15,5 kWh/100 km um 37,4 Prozent. Oder andersherum: Mit sanften Fahren gelang ein Überbieten der WLTP-Reichweite um ebenfalls gut ein Drittel (exakt: 37,6 Prozent). Dass zum Schluss der Verbrauchsfahrt das gelbe Schildkrötensymbol im Cockpit aufleuchtete und das Auto nur noch mit verminderter Leistung zur Ladesäule am Ziel rollte, erhöhte das Stressniveau ein wenig. Aber das war schnell vergessen, als der Strom endlich floss.
Technische Daten: Kia EV2 Earth, Standard Range
Kia EV2 | Modell "Earth", Standard Range |
|---|---|
Leistung | 108 kW (146 PS) |
Max. Drehmoment | 250 Nm |
Höchstgeschwindigkeit | 161 km/h (abgeregelt) |
Beschleunigung 0 - 100 km/h | 8,7 s |
Akkugröße | 42,2 kWh |
Ladeleistung DC | bis 118 kW |
Ladeleistung AC | bis 22 kW |
Testverbrauch | 17,7 kWh/100 km |
Testreichweite | 238 km |
Reichweite nach WLTP | 308 km* |
Testwagenpreis | 37.530 Euro |
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