Mercedes E-Klasse W213 (2016): Fahrbericht

Mercedes E-Klasse W213 (2016) im Test: Fahrbericht

— 09.03.2016

Mehr S- als C-Klasse?

Fast schon eine S-Klasse: Die neue Mercedes E-Klasse kommt mit zahlreichen Assistenten und neuem Infotainment auf den Markt. Erste Fahrt im E 300!

Selber lenken, bremsen, beschleunigen, so wie 1986 im 300 E – das könnte bald Vergangenheit sein. Die neue Mercedes E-Klasse bringt uns dem (Alb-?)Traum des autonomen Fahrens einen großen Schritt näher. Der W124 war ein klarer Fall von Autofahren pur: Handschalter mit Bonanza-Effekt, halbblinder Einarmwischer, leuchtschwache Halogenfunzeln. Der W213 wirft dagegen die Frage auf, ob die geballte Perfektion überhaupt noch Raum lässt für Emotionen.

Mercedes E-Klasse W213 (2016): Mitfahrt

Sitzprobe in der Mercedes E-Klasse (2016)

Video: Mercedes E-Klasse (2016)

So fährt die neue E-Klasse

Der Testwagen von AUTO BILD hat wenig gemein mit der Spezifikation von Avis, Hertz oder Sixt. S-EK 9012 ist nämlich bis unters Panoramadach vollgepackt mit Geniestreichen und Verzichtbarem. Obwohl Mercedes mit der Baureihe W213 ein völlig neues Modell auf die Räder gestellt hat, zeigt die Neuheit kaum Wirkung beim Volk – keine Fotohandy-Parade, kein Daumen-hoch-Kommentar. Das war früher anders, als sich der Zeitgeist an den Sacco-Brettern und den glitschigen MB Tex-Bezügen rieb. Im Vergleich zum Vorgänger hat die fünfte E-Generation zwar in Länge und Radstand leicht zugelegt, doch an den Platzverhältnissen im Innenraum ändert sich leider nichts. Geräumiger als ein 300 E ist sie freilich allemal. Mit 245 PS und 370 Nm Drehmoment ist der E 300, der erst im Herbst 2016 auf den Markt kommt, ordentlich motorisiert. Die Eckdaten: 0-100 km/h in 6,3 Sekunden, Tempo 250 Spitze, Normverbrauch 6,6 Liter, Preis etwas über 50.000 Euro. Zum Vergleich: Der seidige Reihensechser im W124 schaffte mit seinen 188 PS den Sprint in 8,7 Sekunden und war 218 km/h schnell. Der aufgeladene Zweiliter-Vierzylinder spielt sich bei höheren Drehzahlen gerne akustisch in den Vordergrund, ist dafür aber im großen Gang ein echter Leisetreter.

Alle Mercedes-Modelle bis 2021

Mercedes AMG-GTR Mercedes A-Klasse Illustration Mercedes E-Klasse T-Modell


So kommt die Mercedes E-Klasse als Maybach

Einmal E 300 mit Vollausstattung

Verwirrend: Der E 300 hat einen Vierzylinder mit zwei Litern Hubraum und 245 PS. Ab Herbst 2016 ist der Motor zu haben.

Im Modus "Sport+" mutiert die Neungang-Automatik zum Hektiker, doch in Sport treffen Motor und Getriebe ziemlich genau die goldene Mitte zwischen Eifer und Entspannung. Neun Gänge? Genau – das sind fünf mehr als vor 30 Jahren. Während heute das ESP für Ruhe im Hinterwagen sorgt, musste man seinerzeit ASD (Differenzialsperre) und ASR (Antischlupf-Regelung) teuer zukaufen. Bis auf beheizte Gurte und eine belederte Tachonadel ist unsere hyazinthrote Schönheit nach dem All-you-can-bestell-Prinzip ausgestattet. Der Drive Pilot hält auf Autobahnen und Landstraßen den korrekten Abstand zu vorausfahrenden Autos und folgt ihnen bis 210 km/h. Bis 130 km/h findet das System auch ohne Fahrbahnmarkierungen seinen Weg. Der Bremsassistent kann selber bremsen, der Ausweichassistent hilft durch kleine Lenkeingriffe, der Spurwechselassistent führt selbsttätig Überholvorgänge durch.

Mercedes-AMG E 63 (2016): Erlkönig

 

Neue Mehrkammer-Luftfederung

Braucht man das? Will man das? Im 300 E war der Fahrer Mädchen für alles, denn da gab es noch nicht mal Parkpiepser, und die Navigation besorgte der Autoatlas. Die Staufolge-Fahrt beherrscht der E 300 in Perfektion, sogar mit Start-Stopp bei längeren Pausen. An automatische Lenkeingriffe bei höherem Tempo muss man sich allerdings erst gewöhnen. Wer die Hände zu lange in den Schoß legt, der wird optisch und akustisch gewarnt – und dann sanft eingebremst. Doch wenn der Radius zumacht und der Fahrer weiter nur zuschaut, dann versuchen Kameras und Sensoren durch einen kräftigen Lenk- und Bremsimpuls, den Wagen wieder auf Kurs zu ziehen. Klingt logisch, ist aber schon durch die damit verbundene Schrecksekunde keine vertrauenbildende Maßnahme.

Mercedes E-Klasse (W213): Vorstellung und Preise

Während der W124 sogar ohne Verstelldämpfer auskommen musste, wird der E 300 per neuer Mehrkammer-Luftfederung automatisch abgesenkt, angehoben und auf konstantem Niveau gehalten. Die satte Grundgeschmeidigkeit und der Federungskomfort entsprechen eher der S- als der C-Klasse. Die Popometer-Skala reicht von Comfort (gut gepolstert, aber nie schwammig) bis Sport plus (straff, aber nicht spröde). Noch feiner federt freilich der Oldtimer, der sein Leergewicht von 1330 Kilo auf 15-Zöllern spazierenfährt. Das 2016er Modell ist 300 Kilo schwerer.
Mehr als 400 PS: Mercedes-AMG E 43

Kein Auto zum Kurven räubern

Auf rutschigem Geläuf punktet das Kennzeichen E mit ausreichend Grip, dem richtigen Maß an Rückmeldung und bemerkenswerter Trittsicherheit. Der W124 fährt sich dagegen wie eine Limousine von einem anderen, fast verglühten Stern: rau, indifferent, ohne große Reserven am frühen Limit. Nein, auch der allerneueste Mercedes ist kein Auto, das zum Räubern animiert. Aber wenn es sein muss, bleibt er ziemlich locker dran am Vordermann – so wie einst der 300 E am 528i und Audi 100 turbo.

Mercedes-AMG E 43: Vorstellung

Die Hände bleiben am Lenkrad

Das linke Touchpad im Lenkrad ist für Fahrzeug-Infos zuständig, während mit dem rechten das Infotainment bedient wird.

Ganz neu und ziemlich clever sind die Bedientasten in den Lenkradspeichen. Das linke Touchpad kümmert sich um fahrzeugrelevante Funktionen, das rechte steuert das Infotainment. Es gibt zwar auch Direktwahl- und Favoritentasten, ein zentrales Touchpad und den Comand-Controller, aber eigentlich muss man die Hände nicht mehr vom Lenkrad nehmen. Wie sich die Zeiten ändern: Statt eines einzigen Lenkstockhebels (in Modellen ohne Tempomat) hat es heute deren drei, die Spracheingabe war früher dem Beifahrer statt dem Auto gewidmet.

Mercedes E-Klasse W213 (2016): Fahrbericht

Innovations-Offensive für die E-Klasse

Die neue E-Klasse ist ein feines Auto, aber sie spielt weiter in derselben Liga wie der Wettbewerb – trotz der bemerkenswerten Innovations-Offensive. Während ACC und Staupilot dicke, fette Likes verdienen, führen uns die Lenkeingriffe in eine Grauzone, wo Auto und Fahrer unterschiedliche Vorstellungen haben von dem, was als nächstes zu tun ist. Der technische Fortschritt wird diese Lücke mit der gebotenen Rasanz schließen, doch bis es so weit ist, greifen wir lieber selber in die Speichen. So wie 1986, als es noch manuelle Fensterheber gab, einen händisch einstellbaren Außenspiegel, die kurbelintensive Kugelumlauflenkung und eine im Lastenheft festgeschriebene Lebensdauer von einer Million Kilometer.

Autor: Georg Kacher

Stichworte:

Oberklasse

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.

 
Zur Startseite