Chinesische Elektroauto-Marke BYD mit großen Plänen
So will BYD Europas Automarkt erobern

Der chinesische Autobauer BYD geht mit sechs E-Auto-Modellen auf den europäischen Neuwagenmarkt. Der ehrgeizige Plan der Chinesen: Sie wollen unter die Top 5 der erfolgreichsten Automobilhersteller in Europa.
Bild: BYD
- Wolfgang Gomoll
Die Aussage ist kurz und klar: "Ich will in Europa unter die Top fünf kommen", sagt Brian Yang, Vize-Europachef von BYD. Also aus dem Stand in die Spitzentruppe um Volkswagen, Peugeot, Toyota, BMW und Renault will der chinesische Autohersteller, dessen Markenname gern gleichgesetzt wird mit dem Werbeslogan "Build Your Dreams", also "Bau Dir Deine Träume". Es gibt bereits erste BYD-Händler in Deutschland. Die Markteroberungsstrategie klingt noch wie ein ziemlich rosiger Traum.
Der noch dazu unter hohem Zeitdruck geträumt und umgesetzt werden muss: "Das Fenster, um erfolgreich zu sein, ist noch zwei Jahre offen." Im Klartext: BYD muss jetzt und in der nahen Zukunft liefern. Deswegen startet BYD auch nicht nur mit einem Auto, sondern gleich mit einem halben Dutzend. Bis Ende 2023 bzw. Anfang 2024 bringt der chinesische Hersteller sechs Autos nach Europa.

BYD fertigt seine Elektroautos inzwischen auch in Europa an mehreren Standorten.
Bild: BYD
Premiere mit Limousine und Crossover
Zu den wichtigsten Premieren-Modellen gehören der Han, eine Limousine im E-Segment, sowie der Crossover Tang. Von dem steht auf der IAA in München 2023 eine überarbeitete Version, die dreiphasig laden kann, beim NCAP-Test fünf Sterne erreichen soll und mehr Fahrassistenten an Bord hat.
Den BYD-Strategen ist klar, dass das E-Brüderpaar keine Kassenschlager werden. Dann schon eher der kompakte E-Crossover Atto 3, der dem VW ID.4 Konkurrenz machen soll. Die Kaufargumente sind die bekannten: viel Technik und Auto für das Geld. Der nächste Pfeil steckt schon im Köcher: der BYD Seagull. Ein vielversprechendes Elektro-SUV, ebenso wie der elektrische Kleinwagen BYD Dolphin. Er teilt sich die Technik mit dem Atto 3.

Kampfpreis: Für umgerechnet 10.400 Euro wird der Elektro-Kleinstwagen BYD Seagull in China verkauft, nun soll er auch nach Europa kommen.
Bild: BYD Company Limited
Auch wenn die Manager sich in Schweigen hüllen, gilt es als ziemlich sicher, dass der Dolphin nach Europa kommt. Auf der Automesse in Shanghai stand der Kleinwagen bereits. Der Kampfpreis von rund 10.400 Euro für den BYD Seagull dürfte den anderen Autobauern Sorgen machen. "Wir wollen in jedem Segment vertreten sein", erklärt BYD-Statthalter Brian Yang. Allerdings werden sich die verlockenden chinesischen Preise aufgrund der Homologation sowie der technischen Vorgaben in Europa und vor allem in Deutschland nicht halten lassen.
Der Preis ist eine Herausforderung für VW
Doch selbst wenn der Preis um 6000 oder 7000 Euro steigt, ist das Auto immer noch eine Herausforderung für den Elektro-Kleinwagen ID.2, den der VW-Konzern in diversen Derivaten ab Ende 2025 auf den Markt bringt. Und auch die koreanischen Hersteller werden sich ziemlich strecken müssen.
Kurz: Eine heftige Preisschlacht droht – hier werden die europäischen Hersteller und vor allem VW aufgrund der Arbeitnehmerstärke sowie der damit verbundenen hohen Lohnkosten mit stumpfen Waffen kämpfen und letztendlich mit dem Rücken zur Wand stehen.
Ein Auto, das auch in Europa für Freude sorgen würde, ist der BYD U8. Er fordert den Land Rover Defender heraus und soll noch 2023 erscheinen. Aber auch die Speed-Fraktion wird mit dem Hypercar U9 bedient, das spätestens 2024 auf die Bühne rollt. "Wir haben uns 20 Jahre auf diesen Moment vorbereitet", sagt Marken-Manager Yunfei Li.

Das Showcar BYD Seed mit Flügeltüren und vier Sitzen präsentierte BYD 2019 in Shanghai. Aus ihm ging das Mittelklassemodell HAN hervor.
Bild: BYD
Diese Aussage ist kein substanzloses Säbelrasseln. Die Unternehmenswirtschaft des chinesischen Autobauers wird auf Angriffsmodus gestellt. Das heißt, dass BYD mehr in die Entwicklung investiert, als Profit einzufahren. Tesla lässt grüßen. 2022 betrug der Reingewinn 2,4 Milliarden US-Dollar, während 2,9 Milliarden US-Dollar in die Forschung flossen.
Wettbewerb in China wird härter
Die Chinesen agieren auch da nicht nach dem Gießkannen-Prinzip, sondern haben die Investitionen auf drei wichtige Bereiche konzentriert. Es handelt sich um die Motorsteuerung inklusive Software, die E-Maschinen und natürlich die E-Auto-Batterie selbst. Trotzdem steht zunächst einmal ein Zuzahlgeschäft in den Büchern. Also stellt BYD einen Wechsel auf die Zukunft aus. Das ist umso riskanter, da die Strategen des Autobauers in den nächsten Jahren einen sehr umkämpften Heimatmarkt erwarten.

Der Kleinwagen BYD Dolphin teilt sich die Technik mit dem E-Crossover Atto 3, der ebenfalls auf den europäischen Markt stürmen soll.
Bild: BYD Co. Ltd
Aber das Stahlbad in China macht BYD fit für den Wettbewerb in Europa. "Neben durchaus konkurrenzfähigen Produkten verfügt der Hersteller BYD offensichtlich über eine effiziente Kostenstruktur und eine starke vertikale Integration – sprich eigene Zellfertigung", so Peter Fintl von der Unternehmensberatung Capgemini. BYD sei für die kommenden Jahre auch in Europa gerüstet. Fintl: "Die geplante Fabrik in Europa wird als nächster Schritt für die Expansion gehandelt."
2022 hat BYD 1,86 Millionen Fahrzeuge verkauft
Die Zahlen unterstützen die Ansicht des Experten. Im vergangenen Jahr 2022 hat BYD 1,86 Millionen elektrifizierte Fahrzeuge verkauft und damit ein Plus von 208,6 Prozent erzielt. Der Aufwärtstrend setzt sich fort. In der ersten Hälfte 2023 sind es bereits mehr als 1,25 Millionen Einheiten, das entspricht einem Plus von 95,78 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Außerhalb Chinas waren es 74.300 Fahrzeuge, das sind mehr als im gesamten Jahr 2022.
"Und das zweite Halbjahr wird noch besser", betont Yunfei Li. BYD wolle seiner Auskunft zufolge nicht der Billigste, aber der Beste sein – bei der Technologie, der Sicherheit, dem Design und vor allem beim Service. "Deswegen suchen wir uns die besten Partner in jedem Land", fährt Li fort. Das fängt beim eigenen Produkt an und hört bei dem wichtigen Aftersales-Geschäft, also Wartung und Service auf.
Der chinesische Autobauer setzt dabei auf die klassische Händlerstruktur und nicht alleine auf den Online-Direktvertrieb. Laut BYD braucht man mindestens 100 Händler, um in Deutschland erfolgreich zu sein. Aktuell sind es 13. Allerdings hat es die BYD-Manager überrascht, wie langsam die Mühlen der Bürokratie hierzulande mahlen. Li: "Renoviert man in China ein bestehendes Autohaus, dauert es drei Monate, und der Verkaufsstandort ist einsatzbereit. Bei Neubauten sind es sechs Monate." In Deutschland brauche die Renovierung neun bis zwölf Monate und der Neubau laut BYD zwei Jahre.

Ursprünglich baute BYD ausschließlich Akkus, vor allem für Smartphones. Inzwischen ist die Firma in dieser Sparte Weltmarktführer.
Bild: BYD
60.000 Ingenieure arbeiten bei BYD
Wer die riesige Konzernzentrale in Shenzen sieht, dem ist klar, dass der Manager jedes Wort so meint, wie er es sagt. Rund 60.000 Ingenieure arbeiten bei BYD. In den nächsten Jahren werden es noch mehr, sobald der chinesische Autobauer in ein noch größeres Hauptquartier umzieht. Die Techniker verdienen im Schnitt umgerechnet rund 99.000 Euro im Jahr, wohnen in riesigen Wohnsilos in Einzimmer-Apartments, die im Monat 40 Euro Miete kosten und sind mit der autonom fahrenden Monorail-Bahn in wenigen Minuten an ihrem Arbeitsplatz.
Diese mönchischen Lebensbedingungen tun der Produktivität keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Der chinesische Autobauer hat etwa 40.000 Patente eingereicht, von denen 28.000 genehmigt wurden. Die Stoßrichtung ist für jeden gut sichtbar: "Technologiebasiert und innovationsorientiert" prangt in großen Lettern an der Wand der Konzernzentrale. Ambitionierte Worte. Mindestens einer glaubt an den Erfolg der Chinesen: Super-Investor und Multimilliardär Warren Buffett hält zehn Prozent an BYD.
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