"Es war klar, dass wir unseren Kern aus den Augen verloren hatten." VW-Markenchef Thomas Schäfer nahm im Rahmen einer laufenden Modellpräsentation in Hamburg kein Blatt vor den Mund. Der VW-Mann übte harte Selbstkritik an einigen VW-Entscheidungen der jüngsten Vergangenheit: "Wir werden echte Knöpfe und echte Namen zurückbringen, für Autos, die man sofort versteht", versprach der Topmanager gegenüber dem britischen Autoportal "Top Gear".
Volkswagen habe aus der Fehlentscheidung gelernt, viele physische Tasten in den jüngeren Modellen wegzulassen. Schäfer, seit Mitte 2022 an der Spitze der Marke VW: "Früher haben wir eine lange Liste mit Anforderungen und Funktionen erstellt, aber die Menschen fühlten sich mit dem Endprodukt nicht wohl. Jetzt denken wir an die Menschen. Für wen ist das Auto gedacht? Wer fährt es?"

VW nimmt sich Kritik zu Herzen

Der Golf 8 und andere VW-Modelle wurden für die umständliche, ablenkende und fehleranfällige Bedienung kritisiert. Hier einige Beispiele: Die Touchbedienung am Lenkrad wurde oft unabsichtlich angesteuert. Die ablenkenden Touchleisten für Klima und Lautstärke kamen ebenfalls nicht gut weg, die zum Facelift nachträglich integrierte Beleuchtung half nur bedingt.

"Geist von iPhone-ähnlichem Design und Nutzung"

Warum der Autobauer bei der Bedienung vielleicht falsch abgebogen sei, wollte "Top Gear" wissen. Schäfer: "Es herrschte ein Geist von iPhone-ähnlichem Design und Nutzung, der sich in vielen Unternehmen bemerkbar machte. Es war ein wenig schwierig, die Designer von dieser Idee abzubringen." Mittlerweile wisse man in Wolfsburg mehr. "Wir führen viele Kundenbefragungen durch und fragen: 'Wozu brauchen wir einen Knopf?‘ Wir testen mit Daten und nutzen Kameras im Fahrzeug, um zu sehen, was der Kunde nutzt und wohin er schaut."
Kai Grünitz, Leiter der technischen Entwicklung bei Volkswagen, fügte hinzu: "Ich arbeite nun seit rund 30 Jahren für Volkswagen. Jeder Volkswagen wurde für den Vorstand und insbesondere für den CEO entwickelt. Glücklicherweise hatten Piëch und Winterkorn ein Gespür dafür, was der Kunde wollte." Ein heftiger Seitenhieb auf Ex-VW-Boss Herbert Diess? Der Manager, gesamtverantwortlich für Volkswagen von 2018 bis 2022, fehlt in dieser Aufzählung der ehemaligen VW-CEOs und hatte die Bedienung abgesegnet.

ID.Polo soll einfache Bedienung zurückbringen

Der neue VW ID. Polo geht bereits in die richtige Richtung: In der Mitte befindet sich zwar immer noch ein großer Touchscreen. Aber echte Tasten ersetzen die Touchfelder am Lenkrad, die Heizung wird wieder per Kippschalter bedient, und einen physischen Lautstärkeregler gibt es auch.
VW ID.Polo Interieur !!! SF 03.01.26 12:00 Uhr !!!
Blick ins Cockpit des neuen VW ID.Polo: Klimabedienung per echter Tastenleiste unter dem Zentraldisplay, physische Knöpfe am Lenkrad, vier Knöpfe für vier Fensterheber.
Bild: Volkswagen AG

Trend in der Branche: Weg von der reinen Touchbedienung

Insgesamt ist die Abkehr von übermäßiger Touchbedienung in der gesamten Branche zu beobachten: "Die Daten zeigen, dass physische Tasten besser sind", erklärte im September 2025 Magnus Östberg, Software-Chef von Mercedes. Dass ein Übermaß an Touchbedienung im Auto problematisch sei, kritisierte wiederholt auch der ADAC.
Die unabhängige Verbraucherschutzinstitution Euro NCAP (die mit den Crashtests) spricht sich ebenso für Benutzerfreundlichkeit aus und gibt seit Beginn 2026 Punktabzüge bei komplizierter oder ablenkender Bedienung. Die chinesische Regierung hat im Februar 2026 angekündigt, Schalter und Knöpfe zurück ins Auto zu holen. Wichtige Funktionen sollen auch in China künftig immer durch physische Bedienelemente gesteuert werden.
Hinweis der Redaktion: Die Zitate aus "Top Gear" wurden aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

Fazit

von

Raphael Schuderer
Mehr Funktionen im Auto bedeuten auch eine kompliziertere Bedienung, das ist klar. Trotzdem wirkt es, als hätte die Vielzahl der neuen Bedienmöglichkeiten so manchen Autobauer vielleicht etwas verblendet. Auch die Kosten dürften bei der Umstellung der Bedienung eine Rolle gespielt haben. Gut, dass nun auf das Feedback der Kunden gehört wird! Denn nicht alles, was neu und schick ist, ist auch praktisch und sicher – und darauf kommt es im Cockpit eines Fahrzeugs in erster Linie an.