Zu Fuß kommt Rudolf Watzlawik nicht mehr ganz so flott von der Stelle. Immerhin ist der gute Mann auch schon 99 Jahre alt. Aber wenn er mit seiner Mercedes B-Klasse unterwegs ist, dann gern zügig – bis zu 150 km/h. "Schneller kann sie nicht", scherzt der Schwabe.
Er dagegen könnte bestimmt schneller; aber heute genügt seiner Prüferin ohnehin Tempo 50. Heike Hilbig ist Fahrschul-Unternehmerin auf der Schwäbischen Alb. Seit Jahren bietet sie den "Senioren-Check" an. Das ist eine kurze Prüfungsfahrt, um älteren Autofahrern Feedback zu ihren Fahrkünsten zu geben.
Rentner Fahrtüchtigkeitscheck
Der Check findet im eigenen Auto statt. Rudolf Watzlawik fährt Mercedes, seit er als Polizist in den 1970er-Jahren die Unfallsicherheit von Modellen dieser Marke beobachtete.

Seine Tochter schlug einen Fahrschul-Check vor

Seit 2019 fährt Watzlawik mit ihr jedes Jahr eine Stunde – freiwillig. Der pensionierte Polizeihauptmeister hat seinen Führerschein seit 1954  – und seitdem, soweit er sich erinnern kann, keinen Punkt in Flensburg gesammelt. Aber irgendwann kam eine seiner Töchter, selbst schon im Rentenalter, auf diese Idee: "Du solltest prüfen, wie sicher du fährst." Watzlawik wollte, dass sie Ruhe gibt, und buchte einen Termin.
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"Wir wollen dann die Zweite rechts abbiegen", sagt Heike Hilbig und rückt ihre riesige rosa Sonnenbrille zurecht. Watzlawik fährt im Kreisel an der zweiten Abfahrt ab. Der Scheibenwischer quietscht auf dem staubtrockenen Glas. "Herr Watzlawik, der Scheibenwischer!" Watzlawik wirft ihr einen verschmitzten Blick zu. "Frau Hilbig, ich kann mich kaum konzentrieren, wenn Sie neben mir sitzen."
Heike Hilbig fährt als Beifahrerin mit und lenkt ihre Schützlinge während der Exkursion ein bisschen ab. Sie sollen zeigen, dass sie damit klarkommen.
Sonst ist alles ruhig und entspannt. Eine Fahrstunde wie viele, die Hilbig seit gut 30 Jahren absolviert. Bis auf zwei Unterschiede: Ihr Fahrschulwagen Typ Hyundai Tucson, von Hilbig "Tussi" genannt, bleibt heute stehen. Sie sitzt stattdessen neben Watzlawik in dessen Wagen, eine Mercedes B-Klasse, die hohe Bauweise ist bei Senioren beliebt.
Und: Ihr Prüfling fuhr bereits Auto, da lag sie noch in der Wiege. "Mein erstes Auto war ein gebrauchter Fiat Topolino von 1937", erzählt er. Doch der sei ständig kaputt gewesen. Also tauschte er ihn gegen einen Käfer um. Das ist auch schon über 70 Jahre her.
Fiat 500 Topolino 1936
Watzlawiks erstes Auto war ein Fiat Topolino Baujahr 1937 (Archivbild). Der Wagen sei jedoch so häufig kaputt gewesen, dass er zu VW wechselte.
In Deutschland gibt es keine Altersbeschränkung für Pkw- und Motorradführerscheine. Erst wenn ein Fahrer auffällig wird, kann die Behörde eingreifen. "Rentner verwechselt Gaspedal mit Bremse", "Seniorin übersieht Radfahrer", "Opa fährt versehentlich rückwärts" – immer, wenn so etwas passiert, werden die Forderungen laut nach Fahrprüfungen für Senioren, Tauglichkeitstests, Lappen weg ab 70 Jahren.
Anamnese: Vor der Prüfungsfahrt fragt die Fahrlehrerin bei einem Gespräch ab, wie fit sich der Senior fühlt, ob es Einschränkungen oder Auffälligkeiten gibt.
Heike Hilbig konnte es nicht mehr hören bzw. lesen – und beschloss, das Thema anzugehen. Seitdem bietet sie den Senioren-Check an. Es gibt ein Vorgespräch, in dem gesundheitliche Einschränkungen, Schwächen, Unfälle zur Sprache kommen. "Meist sind es ja die Kinder oder Enkel, die sich melden." Wie bei Rudolf Watzlawik. An sich selbst spürt er keine Veränderungen. Am Verkehr schon: "Damals gab es so gut wie keine Autos auf der Straße, jetzt ist alles voll!"

Unsichere Fahrer werden nicht denunziert

Der Verkehr wird im Praxisteil erfahren: eine Stunde Auto fahren unter Aufsicht. Aber in vertrauter Umgebung und im eigenen Wagen, der Fokus liegt ja auf der Routine der Prüflinge. "Dafür lenke ich sie unterwegs ein bisschen ab – damit sollen sie ja klarkommen." Hilbig hat im Schnitt pro Woche einen Check. Preis: 70 Euro. "Da kannst du nix mit verdienen."
Aber hin und wieder Schlimmeres verhindern: Bei knapp fünf Prozent ihrer Prüflinge, sagt Hilbig, rät sie von weiterem Fahren ab. Ob das wirkt? Eine endgültige Sicherheit gibt es nicht. Die Prüfung ist ja freiwillig, und einen unsicheren Fahrer beim Verkehrsamt zu denunzieren, das kommt für sie nicht infrage. "Es passiert schon mal, dass ich sage: 'Wären Sie mein Vater, ich würde Ihnen das Auto wegnehmen.'"
Rentner Fahrtüchtigkeitscheck
Geschafft: Nach einer knappen Stunde innerorts gibt es für Herrn Watzlawik eine kleine Urkunde. "Es ist unglaublich, wie fit Sie sind", sagt Fahrlehrerin Hilbig.
Herr Watzlawik gehört nicht zu diesen Kunden: "Es ist unglaublich, wie fit Sie sind", sagt Heike Hilbig am Schluss. Und überreicht dem 99-Jährigen wie schon in den Vorjahren seine Urkunde. Der lächelt: "Beim ersten Mal waren Sie ja noch etwas aufgeregt ..." Aber nun wisse Hilbig ja, dass sie "keine Angst haben muss".

Von

Roland Wildberg