Bisher galt: Wenn ein Auto erst fertig aus der Fabrik rollt, ist in Sachen Ausstattung nicht mehr viel zu machen. Jetzt aber mischt ein neues Geschäftsmodell der Autobauer die Karten neu – und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten.
Beim Autokauf ein wichtiges Extra übersehen? Die Sitzheizung oder den Tempomaten vergessen, und nun unglücklich trotz neuem Wagen? Einfach nachträglich buchen!
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Wie geht das? Die gewünschten technischen Features sind bereits vorinstalliert. Bei Bedarf, Bestellung und natürlich anschließender Bezahlung werden sie einfach digital im Auto freigeschaltet. "Functions on demand" nennt sich das Geschäftsmodell zum Beispiel bei Audi, übersetzt in etwa "Funktionen auf Bestellung". Mercedes spricht von "digitalen Produkten", BMW von "digitalen Diensten und Extra-Services". 

Welche Features sind online zuschaltbar?

Autobesitzer können sich mit dieser Technik – je nach Lust, Laune und Kontostand – Sonderausstattung für ihr Auto hinzubuchen, online und ohne Werkstattbesuch. Die Freischaltung erfolgt "Over The Air" (abgekürzt OTA), also übers drahtlose Internet.
Und das Feature-Kaufhaus hat riesige Regale: Lenkrad- und Sitzheizung für den Winter, kabelloses Smartphone-Laden, Verkehrszeichenerkennung, markanterer Motorsound, Tempomat, Parkassistent etc.
Mercedes EQS 53
Im Mercedes EQS, der vollelektrischen S-Klasse, lässt sich der Lenkwinkel der Hinterräder von 4,5 auf 10 Grad erhöhen.

Sogar das Fahrverhalten kann in manchen Modellen per Hinterradlenkung oder Adaptiv-Fahrwerk nachträglich verbessert werden. Per Hersteller-App, im Infotainmentsystem des Autos oder im Onlineshop des Herstellers kauft der Autobesitzer die gewünschte Zusatzfunktion oder bucht erst einmal einen Testmonat.
Nötige Sensoren oder Technik (z. B. Heizpad und Schalter der Sitzheizung) sind bereits im Auto verbaut, über ein Software-Update per Funk wird im Wagen nur noch die Nutzung freigeschaltet.

Welche Hersteller bieten die OTA-Extras?

Welche Hersteller bieten das an? Immer mehr! Tesla ist hier wieder mal Vorreiter. In Deutschland sind Audi, BMW, Porsche und Mercedes am weitesten. Natürlich sind OTA-Extras nur in neueren Modellen möglich; bei BMW funktioniert es derzeit erst im aktuellen 2er Active Tourer, in der Elektro-Limousine i4 und im rein elektrischen SUV iX. "Das Angebot variiert sehr stark, von Markt zu Markt, von Fahrzeug zu Fahrzeug", so ein BMW-Sprecher zu AUTO BILD.
Volkswagen bietet den Service bereits für einige MQB-Modelle an (z. B. Golf 8), die vollelektrische ID-Reihe soll in Kürze auch in den Genuss der Extras per Update kommen. Skoda und Nissan bieten ebenfalls freischaltbare Extras an.
Auto-Experte Prof. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) prophezeit: "Dieses Geschäftsmodell verspricht in der Zukunft Milliardengewinne. Wer den Branchentrend verpasst, droht unter die Räder zu kommen."

Was kostet der neuartige Service?

Die Preise für Feature-Abos sind unterschiedlich, je nach Funktion und Laufzeit. Im ConnectedDrive Store von BMW – so nennen die Münchner ihre "Online-Werkstatt" – gibt's einen Monat Sitzheizung für 17 Euro, pro Jahr sind für den warmen Hintern 170 Euro fällig, unbefristet heizen die Vordersitze für 385 Euro.
Aufwendigere Systeme wie den Tempomaten mit automatischer Geschwindigkeitsanpassung und Abstandshalter lassen sich die Bayern mit 880 Euro bezahlen, in diesem Fall ist nur ein dauerhafter Kauf möglich.
Per Smartphone über die Hersteller-App lassen sich die Features quasi in Echtzeit buchen.

Im elektrischen Mercedes EQS lässt sich der Lenkwinkel der Hinterradlenkung von 4,5 auf zehn Grad erhöhen, das macht den Luxusliner wendiger. Kostet allerdings auch 489 Euro pro Jahr oder 1169 Euro für drei Jahre – danach muss wieder neu bestellt werden, eine lebenslange Laufzeit wird nicht angeboten.
Wer den EQS länger fahren will und schon beim Kauf das Kreuzchen bei der besseren Hinterachslenkung macht, kann in diesem Fall sparen: Beim Erstkauf werden 1547 Euro für die dauerhafte Option fällig – das Ganze lohnt sich also schon nach unter vier Jahren!

Wie schnell bekomme ich das digitale Extra?

Theoretisch stehen die nachträglich angeforderten Features innerhalb von Minuten zur Verfügung, wenn das Auto eine Verbindung zum Handynetz hat und die Zahlung bei Hersteller gelandet ist.
Vorteil für Hersteller: Der Serienbau vereinfacht sich. Viele Extras sind bereits vorinstalliert und können auch erst später aktiviert werden.
Mercedes weist in seinem Onlineshop allerdings darauf hin, dass es nach Bestellung mehrere Stunden dauern könne. Ist die Bestätigung per SMS oder App-Rückmeldung dann eingegangen, kann es sofort losgehen mit der Nutzung.

Welche Vorteile bringt die OTA-Technologie?

Das Auto wird flexibler! Wer früher auf ein wichtiges Extra beim Kauf verzichtet hatte, konnte sich danach nur ärgern – oder teilweise aufwendig und teuer nachrüsten lassen. Jetzt kann man sich die gewünschte Zusatzausstattung in kurzer Zeit digital ins Auto holen.
Für viele Funktionen wird, je nach Hersteller, ein kostenloser oder günstiger Probezeitraum angeboten. So kann man zuerst testen, ob sich die Investition lohnt. Und: Gebrauchtwagenkäufer haben nun durch OTA-Extras endlich die Möglichkeit, den Wagen nachträglich ihren Wünschen anzupassen.
Erstkäufer, die genau wissen, wann sie das Fahrzeug wieder abstoßen wollen, können durch das Modell auch sparen: Das LED-Matrixlicht etwa kostet bei Audi 696 Euro für drei Jahre. Wer nach drei Jahren verkaufen will, braucht nicht die 1339 Euro für eine Auto-lebenslange Nutzung abdrücken.
Oft lohnen sich auch die Kurzzeitmodelle: Jahreszeitabhängige Extras wie Sitzheizung können in warmen Monaten abbestellt werden, der Tempomat mit Stauassistent nur für die nervtötende Stau-Fahrt in den Urlaub gebucht werden.

Was bringt Functions on demand den Herstellern?

Abgesehen von der Hoffnung auf zusätzliche Einnahmen: Für Hersteller vereinfacht sich die Produktion. Denn bisher werden die Autos nach Kunden-Konfiguration hergestellt, quasi maßgeschneidert. Mit Functions on demand können die Hersteller theoretisch immer dasselbe Auto produzieren, natürlich abgesehen von Lackierung, Polstern und anderen Details.
Soft- und Hardware für die Sonderfunktionen werden vorinstalliert und lassen sich jederzeit frei- und wieder abschalten. Laut der Unternehmensberatung McKinsey winken pro Auto im Schnitt 260 Euro zusätzlicher Gewinn für die Hersteller.

Gibt es auch potenzielle Probleme?

Natürlich kann sich die digitale Extrawurst-Theke auch in eine Kostenfalle für Kunden verwandeln. Das Angebot ist verlockend, auch nach der Anschaffung sein Auto weiter zu verbessern – bei teils hohen Mehrkosten.
Und was ist mit Gebrauchtwagenkäufern? Ein Beispiel: Der Erstbesitzer hat etliche Funktionen dazugebucht, bei der Probefahrt glänzt der Wagen mit viel Sonderausstattung. Die Gefahr: Nach einem erfolgreichen Verkauf laufen die Optionen nach und nach aus. 
Tesla Model X
Tesla bietet bei seinen Modellen unter anderem an, Sitzheizung über einen Monat oder länger dazuzubuchen.

Ein BMW-Sprecher gegenüber AUTO BILD: "Verkäufer sind durch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) im ConnectedDrive-Store dazu verpflichtet, auf Zusatzfunktionen und deren Laufzeiten hinzuweisen."
Doof nur, wenn der Verkäufer die AGB nicht gelesen hat – wie meistens der Fall bei den ellenlangen Vorschriften. Oder der Käufer keine Ahnung hat, dass es so etwas wie OTA-Ausstattung überhaupt gibt. Hier ist Aufklärungsarbeit nötig!

Wird der Energieverbrauch steigen?

Wenn ab Werk mehr Technik verbaut ist, könnten die Autos schwerer werden – und damit auch mehr Sprit bzw. Strom verbrauchen. Unterm Strich gibt Auto-Experte Prof. Ferdinand Dudenhöffer aber Entwarnung: "Funktionen, die zusätzliche Sensoren oder etwa eine andere Mechanik beanspruchen, können durchaus Auswirkungen auf das Fahrzeuggewicht haben. In Summe gehe ich davon aus, dass die Fahrzeuggewichte durch die neuen Möglichkeiten nur unwesentlich erhöht werden." Auch der ADAC rechnet damit, dass die Hersteller hier "sehr sensibel vorgehen".

Steigen die Autopreise durch OTA?

Werden die Autos grundsätzlich teurer, weil im Schnitt mehr Technik an Bord ist? Dudenhöffer: "Oft geht es dabei um die Frage, ob unterschiedliche Teile in der Herstellung teurer sind als nur ein Standardteil, das zwar etwas teurer in der Produktion ist, aber die Komplexitätskosten – mehr Teilevielfalt, kompliziertere Logistik, kompliziertere Produktion – deutlich senkt."
Also verhalte es sich hier wie bei so vielen Dingen: Es komme auf den Einzelfall an. Dudenhöffer: "Es werden wohl kaum sehr teure Teile einbaut, die vom Kunden über OTA kaum genutzt werden. Da würde der Controller ein Veto einlegen." 
In den Online-Shops von BMW und anderen Herstellern lassen sich die Features auswählen und buchen.

Auch ADAC-Experte Arnulf Thiemel gibt sich optimistisch: "Da bisher die Preise für unbegrenzte Aktivierung sehr ähnlich denen bei Verbau ab Werk sind, können die neuen Möglichkeiten ein Vorteil sein. Weil eine klassische Hardware-Nachrüstung nicht nur die neuen Teile kostet, sondern auch deren Einbau. Das ist allermeist deutlich teurer – sofern überhaupt möglich."
Der ADAC fordert, dass den Kunden gegenüber dem Einbau von Zusatzausstattungen ab Werk keine Nachteile entstehen dürfen, etwa durch höhere Preise.

Von

Raphael Schuderer