Er ist so etwas wie der missratene Sohn, für den sich in der Familie alle schämen. Denn obwohl Mercedes ihn mit großem Aufwand entwickelt und mit viel Tamtam eingeführt hat, konnte der EQS seine Rolle als elektrische Alternative zur S-Klasse nie so richtig ausfüllen.
Und wenn er für Schlagzeilen gesorgt hat in den letzten Jahren, dann meist für negative, weil die Absatzzahlen so schlecht waren oder weil Mercedes im wichtigsten Auslandsmarkt China die Preise radikal senken musste.
Doch während sein kleiner Bruder EQE nach einer kurzen Übergangsphase im nächsten Jahr wohl von der elektrischen C-Klasse aus dem Rennen geworfen wird, geben die Schwaben beim elektrischen Flaggschiff noch nicht auf.

Modellpflege weit über Kosmetik hinaus

Im Gegenteil: Sie haben dem EQS ein weiteres Update spendiert, das viel umfangreicher war als bei der S-Klasse, selbst wenn sie dort beharrlich von der größten Modellpflege aller Zeiten sprechen.
Die yokeähnliche "Brezel" ist das auffälligste Merkmal der neuen Steer-by-Wire-Technik im EQS.
Bild: Mercedes
Ja, dazu gehören auch die üblichen Retuschen für Glanz und Gloria. Der Grill ist deshalb größer und strahlt auf Wunsch heller, das Innenleben der Scheinwerfer wird aufwendiger, die Haube trägt jetzt Powerdomes und einen Stern, der auf Wunsch auch leuchtet. Und drinnen wollen die Schwaben mit aufwendigen Stickereien im Leder, den kuscheligen Kissen an den Kopfstützen und den beheizten Gurten ein bisschen mehr S-Klasse-Ambiente zaubern.
Allerdings klappt das nur bedingt. Zwar fühlt sich jetzt alles etwas feiner an. Aber es bleibt vor allem im direkteren Vergleich bei den schlechteren Platzverhältnissen, hinten sitzt man deutlich weniger bequem, und die Sessel in der ersten Reihe sind lange nicht so feudal.

800 Volt und über 900 Kilometer Reichweite

Doch das ist ohnehin nur die Politur für den schönen Schein. Was wichtig ist, das ist die technologische Substanz. Und reden wir nicht nur von verbesserten Assistenten, die aber noch immer nicht so gut sind wie die Autopiloten etwa von Tesla oder in den neuen Mercedes-Modellen wie dem GLC sowie dem bald allgegenwärtigen Betriebssystem MB.OS mit seiner KI-Sprachsteuerung und all dem digitalen Gedöns.
Fast 1000 Kilometer Reichweite sind jetzt möglich. Der neue 800-Volt-Akku macht den EQS zum Langstrecken-Spezialisten.
Bild: Mercedes
Sondern wir reden vor allem von einem neuen Akku, der jetzt endlich standesgemäß mit 800 Volt verdrahtet ist und dank neuer Zellchemie obendrein mehr Kapazität bietet. Mit seinen nun 122 statt 118 kWh speist er je nach Modellvariante ein oder zwei, neuerdings mit einem Zweigang-Getriebe gekoppelte Motoren mit 408, 476 oder 585 PS und schafft damit bis zu 926 Kilometer. Das sind Entfernungen, die wir sonst eher vom Diesel kennen und die auch eine konventionelle S-Klasse schwer fordern. Neu ist zudem der abgespeckte EQS 400, der zwar nur 112 kWh und 367 PS hat, dafür aber den Preis wieder unter 100.000 Euro drückt.

Laden fast so kurz wie ein Tankstopp

Und selbst wenn das letzte Quäntchen zum ultimativen S-Klasse-Luxus auch weiterhin fehlt, ist der EQS so feinfühlig abgestimmt, so gut gedämmt und so wohlmeinend ausgeschlagen, dass man diese Strecke auch in einem Stück abreißen kann. Und auf lange Pausen danach darf man dabei nicht hoffen: Weil mit der Spannung die Ladeleistung auf bis zu 350 kW steigt und in zehn Minuten die Energie für 320 Kilometer fließt, reicht's beim Boxenstopp nur noch für eine schnelle Butterbrezel.
Weiche Kissen, feines Leder und viel Ruhe an Bord: Im Fond zeigt sich der EQS von seiner bequemsten Seite.
Bild: Mercedes
Apropos Brezel: Die ist im EQS jetzt sogar fest eingebaut. Zumindest wenn man für rund 2500 Euro ab Herbst die neue Steer-by-Wire-Lenkung bestellt. Denn damit jeder gleich sieht, dass hier Hightech verbaut ist, gibt's statt des in 140 Jahren kaum veränderten Lenkrads jetzt die schwäbische Alternative zu Teslas Yoke-Steuerung. Dahinter laufen nur noch Kabel, die den Lenkimpuls an die Räder weitergeben und so vollkommen freie Übersetzungen ermöglichen. Wenig Kurbelei auch in engen Radien beim Rangieren, hohe Stabilität bei schnellen Kurven und außerdem mehr Platz vorm Bauch, so das Versprechen der Entwickler.
Es dauert zwar ein paar Meter, bis man buchstäblich den Bogen raus hat, weil ja auch noch die Hinterachslenkung im Spiel ist. Doch je länger man damit unterwegs ist, desto natürlicher fühlt sich das Ganze an. Und spätestens am zweiten Tag ist das ganz selbstverständlich. Bis ein S-Klasse-Fahrer ins Auto schaut und man viele neugierige Fragen beantworten muss.

Neue Preisordnung im Luxussegment

Die Steer-by-Wire-Lenkung hat der EQS der S-Klasse zwar voraus, und auch die Reichweite dürfte in den meisten Fällen größer sein. Doch adelt das den EQS genauso wenig zur S-Klasse, wie die Lorbeerkranz-Stickereien in den Türen oder die Kuschelkissen auf der Rückbank.
Das wissen sie offenbar auch bei Mercedes und haben die Positionierung anderweitig korrigiert: Während die S-Klasse mit dem Facelift teurer wurde und jetzt bei 109.221 Euro startet, hat Mercedes beim EQS ein neues Einstiegsmodell eingeführt und den anderen Varianten zum Teil kräftig den Rotstift angesetzt, sodass es jetzt bei 91.580 Euro losgeht und zwischen der echten und der Möchtegern-S-Klasse fast 20.000 Euro liegen. Dann stimmen die Verhältnisse wieder.

Fazit

Was lange währt, wird langsam gut: Denn die 800-Volt-Akkus bringen den EQS technisch auf den aktuellen Stand, die neue Finesse im Innenraum tut ihm gut, und die Steer-by-Wire-Lenkung macht ihn auch für Geeks und Nerds wieder interessant, selbst wenn es mit den Kurven bislang auch so ganz gut geklappt hat. Zur elektrischen S-Klasse wird der EQS damit zwar noch immer nicht. Aber er rettet sich zumindest mit Anstand über die Zeit, bis es einen gemeinsamen Nachfolger geben wird.