Der Einsatzleiter der Freiwilligen Feuerwehr Felsberg (Hessen) glaubte an einen verspäteten Silvesterböller, als er an einem eiskalten Samstagabend im Februar 2021 einen dumpfen Knall hörte.
Ein paar Minuten später befand er sich mit seinen Kameraden bereits im Einsatz. Ein nagelneuer VW Golf GTE war nach Angaben der Besitzer während der Fahrt im Ortsteil Hilgershausen (Schwalm-Eder-Kreis) in Flammen aufgegangen. Das neue Plug-in-Hybridauto war zwei Tage alt und hatte erst 300 Kilometer auf dem Tacho.
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Die beiden Insassen berichteten von einem hellen, blauen Blitz und einem lauten Knall im Fahrzeuginnenraum. Der Knall und die Druckwelle seien so heftig gewesen, dass die Scheiben des Fahrzeugs nach außen gedrückt wurden. Die Insassen stolperten daraufhin aus dem Fahrzeug und brachten sich in Sicherheit – das Auto stand binnen Sekunden in Flammen. "Die Insassen sind nur leicht verletzt und haben ein Riesenglück gehabt", sagte ein Feuerwehrmann zu AUTO BILD. "Es hätte Tote geben können."

Akku im Golf GTE entzündete sich erneut

Der Brand am Auto wurde durch die anrückenden Feuerwehr-Einsatzkräfte bekämpft, allerdings entfachte nach Angaben der Feuerwehr der Fahrzeug-Akku den Brand mehrfach von Neuem. Um den brennenden Golf 8 abschließend zu löschen, wurde ein Spezial-Container zur Unfallstelle befördert. Mithilfe solcher Container ist es möglich, brennende E-Autos komplett in Wasser zu tauchen, um die schwelenden Akkubrände unter Kontrolle zu bringen. Letztendlich gelang es der Feuerwehr doch, den Brand ohne Flutung des Containers zu löschen. Der Sachschaden lag bei 45.000 Euro.
Ein unglücklicher Einzelfall? Nicht berichtenswert angesichts von rund 16.900 Pkw-Bränden pro Jahr in Deutschland? So einfach ist das nicht. Erstens weil Feuergefahr in konventionellen Autos meist erst entsteht, wenn Komponenten altern, etwa das Bordnetz. Zweitens weil hier mit ziemlicher Sicherheit der Gau eines jeden Elektroautos eingetreten ist: der sogenannte " Thermal Runaway". Beim thermischen Durchgehen handelt es sich um eine unaufhaltsame Kettenreaktion, die innerhalb von Sekundenbruchteilen die in der Batterie gespeicherte Energie freigibt. Dadurch steigt die Temperatur schnell auf mehrere Hundert Grad.

Fertigungsprobleme bei mehreren E-Auto-Herstellern

Ursachen für ein thermisches Durchgehen können falsche Ströme beim Ladevorgang sein, mechanische Beschädigungen von außen, aber auch ein interner Kurzschluss infolge von Fertigungsfehlern. Und genau da liegt der Knackpunkt: Verschiedene Hersteller von Elektroautos, darunter BMW, Ford und Hyundai, kämpfen derzeit mit Fertigungsproblemen. Es gab Brände, es gab Rückrufe, auch bei VW. Einige e-Up (plus Schwestermodelle von Seat und Skoda) bekamen neue Hochvoltbatterien. Grund: Laut VW wurden "bei einer manuellen Nachkontrolle der Zellmodule möglicherweise die Batteriezellen beschädigt. Infolgedessen kann es zu einem Isolationsfehler kommen, was in seltenen Fällen zu einem Kurzschluss im Batteriesystem führt."

Das sagte VW zum Brand des Hybrid-Golf

Auf Anfrage von AUTO BILD äußerte sich ein Volkswagen-Sprecher zum Golf-Vorfall: "Die Sicherheit unserer Kunden hat für uns höchste Priorität. Um den selbst gesetzten hohen Standard bei unseren Fahrzeugen gewährleisten zu können, analysieren wir derzeit die näheren Umstände und die technischen Hintergründe eines Falles, bei dem es laut Medienbericht zu einer Explosion eines Golf 8 gekommen sein soll. Auf Basis der Untersuchungsergebnisse werden wir im Bedarfsfall entsprechende Maßnahmen in die Wege leiten."

Handarbeit in der Montage der Batterien

Prinzipiell kann der Fehler in der Batteriezelle selbst liegen. Nach Expertenmeinung ist aber viel wahrscheinlicher, dass er beim Zusammenfügen der Zellmodule entsteht. Die Autohersteller bekommen von den Batteriezelllieferanten, zum Beispiel LG, Module angeliefert – zehn bis zwölf Zellen in einer Art Schuhkarton zusammengefasst. Das Zusammenfügen dieser Module zum Akkupaket ist noch nicht voll automatisiert, es gibt Handarbeit, also auch Fehler. BMW etwa rief Ende 2020 Tausende Plug-in-Hybride zurück – Kurzschluss- und Brandgefahr wegen verunreinigter Zellen. Ein Batterie-Recycler erklärte kürzlich, die angelieferte Ware komme nicht nur von ausgemusterten E-Autos, sondern oft frisch vom Band. Es ist der Ausschuss, wenn die Produktion hochgefahren wird.

Von

Raphael Schuderer