Der Beschluss war eindeutig – und doch ließ er viele Fragen offen. Nach der EU-Kommission und den Abgeordneten des EU-Parlaments einigten sich Ende Juni 2022 auch die Umweltminister und -ministerinnen der Mitgliedsstaaten darauf, ab 2035 in der Europäischen Union nur noch emissionsfreie Neuwagen zuzulassen – für viele gleichbedeutend mit einem Verbrenner-Aus 2035.
Aber ist es das wirklich? Gleichzeit wurde die Brüsseler EU-Kommission aufgefordert zu analysieren, ob mit künstlichem Ökosprit betriebene Motoren trotzdem auf der Straße bleiben dürfen. Damit ist das Ende für klassische Benzin-, Diesel- oder auch Gasmotoren besiegelt, doch für Verbrenner generell bleibt eine Hintertür offen.
Vattenfall-Wallboxen
Vattenfall-Wallbox

Vattenfall-Wallbox + Ökostrom

Vattenfall-Ladepakete samt günstiger Wallboxen mit Hardware-Bonus: Charge Amps Halo™ ab 299 Euro

In Kooperation mit

Vattenfall-Logo
Für uns Autofahrer steht jedenfalls fest: Wir brauchen andere, umweltfreundlichere Antriebsformen. Klar, Elektroautos sind eine Alternative. Aber was ist mit den 46,5 Millionen Verbrennern? Die werden noch sehr viele Jahre auf deutschen Straßen unterwegs sein. Könnte man deren Kraftstoffbedarf nicht CO2-frei abdecken?
Für viele Menschen könnten eFuels als Treibstoff eine Lösung sein. Damit läuft jeder Benziner oder Diesel von jetzt auf gleich klimaneutral, sofern der synthetische Sprit nachhaltig hergestellt wird. Wir klären, wie das mit eFues geht, was das kostet – und wie sich Autos damit fahren. Und wir gehen auf Vor- und Nachteile von eFuels ein.  

Was sind eFuels?

Der Name klingt modern und innovativ: eFuels. Das steht für "Electrofuels", also "Elektro-Treibstoff" – und dürfte etwas verwirren. Denn eFuels tankt man wie normalen Sprit an der Zapfsäule und nicht an der Steckdose. Aber: Bei der Herstellung kommt Strom zum Einsatz. Und zwar grüner Strom aus Sonnen- und Windenergie.
 
Thematik eFUELS
eFuels werden in einem mehrstufigen Verfahren gewonnen. Alles beginnt mit der "Wind-Ernte".
Er wird genutzt, um in einem mehrstufigen Verfahren Wasserstoff und letztlich eFuels herzustellen. Warum der Aufwand? Ganz einfach: Der klimaneutrale, flüssige Kraftstoff kann einen wichtigen Beitrag zum Erreichen der Klimaschutzziele leisten. Denn mit dem grünen Sprit lässt sich jeder Verbrennungsmotor betreiben. Den synthetischen Kraftstoff gibt es als "eBenzin", "eDiesel", "eHeizöl" und "eKerosin". Zudem ist die bestehende Infrastruktur aus Tankstellen, -lagern und -schiffen weiter nutzbar.

Wie grün, wie umweltfreundlich sind eFuels?

Kritiker von eFuels sagen, der grüne Sprit ineffizient und daher nicht grün genug. So reiche eine Menge Strom umgewandelt in eFuel gerade mal 100 Kilometer weit, ein batterieelektrisches Auto würde mit der gleichen Menge an Strom 700 Kilometer weit fahren. Der Wirkungsgrad von eFuels liegt laut Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer bei etwa 15 Prozent, der von E-Autos bei rund 80 Prozent.
Die Befürworter von eFuels entgegnen, die Effizienz sei nicht entscheidend – da die eingesetzte Sonnen- und Windenergie ja ohnehin anfalle. eFuels sollen dort hergestellt werden, wo es Wind und Sonne satt gibt. Etwa in Afrika.
Außerdem hätten eFuels andere Vorteile: Ihre Energiedichte ist größer als die von Auto-Akkus oder gasförmig gespeichertem Wasserstoff. Das macht sie ähnlich wie fossile Kraftstoffe. Was bedeutet das? eFuels lassen sich über lange Distanzen kostengünstig transportieren, etwa von Tankschiffen. Und gut lagern – was mit Strom eher schwierig ist.

eFuels oder lieber E-Autos?

Transport & Environment (kurz T&E) schließt sich der Freude über die Vorteile von eFuels nicht an. T&E ist die Dachorganisation verschiedener nichtstaatlicher Organisationen aus ganz Europa, die sich für nachhaltigen Verkehr einsetzen. Die Institution schreibt zum Thema Pkw, der Wechsel von schmutzigen Motoren zu emissionsfreien Elektrofahrzeugen sei "entscheidend für die Dekarbonisierung des Autos".

Wie sauber verbrennen eFuels in Verbrennern?

T&E wollte wissen, ob eFuels sauberer verbrennen als fossiler Kraftstoff und beauftragte das französische Institut IPFEN, die Schadstoffemission von mit eFuels betriebenen Verbrennern zu messen. Dafür wurden im Labor 100 Liter synthetisches Benzin hergestellt, als Testfahrzeug diente ein 2019er Mercedes A 180 mit Otto- Partikelfilter und manuellem Getriebe, vorschriftsmäßig gewartet und mit 17.000 Kilometern auf der Uhr.
Ergebnis: Ein mit eFuel betankter Pkw stößt genauso viele giftige Stickstoffoxide aus wie ein Auto, das mit E10-Kraftstoff fährt. Bei der Verbrennung entstand laut T&E sogar dreimal so viel gesundheitsschädliches Kohlenmonoxid wie bei normalem Benzin. Der Ausstoß an Ammoniak war doppelt so hoch. Ammoniak kann sich mit anderen Teilchen in der Luft zu Feinstaub verbinden. Nur die Partikelemissionen sanken beim eFuel-Test.

Gibt es Reaktionen auf die T&E-Untersuchung?

Uniti widersprach den Erkenntnissen von T&E. Kein Wunder: Uniti ist der Verband mittelständischer Mineralölunternehmen und Mitglied der eFuel-Allianz. Uniti meldete Zweifel daran an, dass die vom Institut IPFEN hergestellten Testkraftstoffe in ihrem Siedeverlauf und Verdampfungsverhalten der eFuel-Norm DIN EN 228 entsprachen.
T&E attestierte eFuels im Vergleich mit batterieelektrischen Antrieben Nachteile in den Kapiteln Kosten, Effizienz und Verfügbarkeit. Auch das wollte Uniti so nicht stehen lassen. Die Mineralölunternehmen kritisierten an der von T&E beauftragten Studie, standortspezifische Faktoren der Erzeugung erneuerbarer Energien seien nicht ausreichend berücksichtigt. Soll heißen: Die Effizienz von eFuels würde wachsen, wenn sie an Orten mit hohen Volllaststunden aus erneuerbaren Energien hergestellt werden. Also etwa dort, wo es Wind im Überfluss gibt.
Thematik eFUELS
eFuels werden im Labor so konstruiert, dass sie den bekannten Kraftstoffen entsprechen. Aber sie sind reiner.
Schlussendlich wollte Uniti in den schlechten Noten für Preis und Verfügbarkeit von eFuels die Annahme von T&E erkennen, dass synthetische Kraftstoffe sofort als Reinprodukt auf den Markt kommen. Das hielten die Mineralölunternehmen für irreführend, denn man könne den E-Sprit bereits in kleinen Mengen problemlos fossilen Brennstoffen beimischen und den Anteil langsam hochfahren. Die Herstellungskosten würden so allmählich reduziert werden.

Wie viel CO2 würden Autos mit eFuels einsparen?

In einer weiteren Studie vom Juni 2022 legte T&E noch mal nach. Im Jahr 2030 gekaufte, mit eFuels betrieben Autos sorgten während ihrer gesamten Lebensdauer (inklusive Herstellung und Betrieb) im Vergleich zu Benzin- oder Dieselfahrzeugen nur für fünf Prozent CO2-Einsparung.
Bei rein batterieelektrisch betriebenen Autos seien es 78 Prozent weniger Emissionen, unter Berücksichtigung des für 2030 vorgesagten Strommix. Ein reines E-Auto wäre zudem 53 Prozent sauberer als ein Verbrenner mit synthetischen Kraftstoffen – vor allem wegen Verlusten in der eFuel-Herstellung und den ineffizienten Verbrennungsmotoren.
Auch hier gab es erwartungsgemäß Gegenwind. Der Emissionsvergleich entbehre jeder Grundlage, polterte der Interessenverband eFuel Alliance. Es würden nicht haltbare Annahmen getroffen, falsche Einheiten benutzt und nur sehr geringe Mengen eFuels prognostiziert, die auch nur in Europa mit dem europäischen Strommix produziert würden. Das sei sachlich falsch und irreführend, so die eFuel-Befürworter.

Was sagt die Bundesregierung zu eFuels?

Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) gilt wie sein Parteikollege aus dem Finanzressort, Christian Lindner, als Verteidiger der Verbrennungstechnik. An ihr hingen viele Arbeitsplätze. Eine Zulassung von klimaneutralen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor entspreche "dem wichtigen Prinzip der Technologieoffenheit".
Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) dagegen hatte sich im März 2022 im Namen der Bundesregierung ausdrücklich hinter die verschärften Klimaziele der EU-Kommission und des Europaparlaments gestellt. Mit eFuels betriebene Verbrennungsmotoren seien nach 2035 nur außerhalb der CO2-Flottengrenzwerte eine Option.

Merkt man beim Fahren einen Unterschied zu Benzin?

Aus großen Kanistern gluckert eine leicht gelbliche Flüssigkeit in den Tank. Kein großes Ding für einen Verbrenner, denn dieses "Futter" unterscheidet sich kaum vom Superbenzin. Es riecht exakt so und schwappt mit gleicher Viskosität vor sich hin.
Rein chemisch gibt es zwischen beidem auch keinen Unterschied. Denn die Kanisterware namens eFuel wurde im Labor so gebraut, dass sie Mineralöl-Sprit entspricht. Dem Testwagen ist das ziemlich egal, Hauptsache, das Zeug zündet vernünftig. Und genau darum geht es: Wie fährt es sich mit eFuel, gibt es Unterschiede zwischen Natur- und Laborprodukt?
Thematik eFUELS
Der 136 PS starke Dreizylinder des Mini verhält sich mit eFuel betankt nicht anders als mit fossilem Kraftstoff.

Die Antwort: klares Nein! Das Testauto benimmt sich mit eFuel nicht anders als sonst unter Versorgung mit Super. Mit typischem Schnattern erwacht der Dreizylinder zum Leben und macht das, was alle erwarten. Die 136 PS beschleunigen ihn ausreichend flott auf Landstraßentempo. Die Gänge werden gleichmäßig ausgedreht, der 1,5-Liter leistet sich kaum Durchhänger. Die Autobahn gehörte leider nicht zur Teststrecke, wir bezweifeln aber nicht, dass auch hier alles normal laufen würde.

Verträgt ein Verbrennermotor eFuel?

Bleibt die Frage: Verträgt der Motor den neuen Kraftstoff? Solche Bedenken sind unbegründet. eFuel setzt sich aus den gleichen Elementen zusammen wie Super, kann sogar noch reiner "konstruiert" werden. Alle Verbrenner sollten ihn vertragen können.
Sagt auch Prof. Dr. Thomas Koch, Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am KIT (Karlsruher Institut für Technologie): "Negative Einflüsse auf den Antriebsstrang wurden bislang nicht diagnostiziert, werden nicht erwartet. Vielmehr sind sogar kleinere Produktvorteile durch eFuels möglich." Also her mit dem synthetischen Super!

Wo entsteht der Synthetik-Sprit?

Wenn es kräftig weht, ist Markus Speith in seinem Element. Der 54-Jährige ist bei Siemens Energy Projektleiter für eine Fabrik, die 13.700 Kilometer entfernt von München entsteht: in Patagonien im Süden Chiles. Dort bauen Siemens und Porsche gemeinsam mit weiteren Partnern eine Pilotanlage zur Herstellung von eFuels.
Thematik eFUELS
Markus Speith (54) ist der Projektleiter für die von Siemens und Porsche initiierte eFuel-Fabrik.
"Am 10. September war Spatenstich, ab 2022 werden 130.000 Liter Benzin jährlich nach Europa verschifft", sagt Speith. Ab 2026 sollen es jährlich bis zu 550 Millionen Liter sein.

Wie werden eFuels hergestellt?

Und wie stellt man eFuels her? "Zunächst ernten wir den Wind", sagt Speith. Der damit erzeugte Strom treibt einen Elektrolyseur an, der Wasser in die Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. Wenn nun dem Wasserstoff noch CO2 zugeführt wird, entsteht in einem mehrstufigen Prozess Benzin.
Die Anlage in Chile ist ein Anfang. Speith: "Auch wenn eFuels einen signifikanten Beitrag leisten müssen, werden in Ländern wie Deutschland zukünftig E-Antriebe den Automarkt dominieren. Aber in vielen anderen Regionen und Anwendungsbereichen, etwa bei Flugzeugen und Schiffen, wird das nicht gehen. Dort werden eFuels zur Dekarbonisierung beitragen."

Was werden eFuels kosten?

Bisher wird eFuel in kleinen Pilotanlagen hergestellt und ist noch weit von der Möglichkeit einer flächendeckenden Versorgung entfernt. Die Produktion unter Laborbedingungen sorgt vorerst für einen Literpreis von etwa 4,50 Euro – was natürlich nicht konkurrenzfähig ist mit fossilen Kraftstoffen.
Wie sollte es auch anders sein? Die Welt ist auf die Förderung, Verarbeitung und den Verbrauch fossiler Rohstoffe ausgelegt. Rund 14 Milliarden Liter Rohöl wurden im Jahr 2020 gefördert – täglich!
Geschätzt aus rund der Hälfte davon wird Kraftstoff hergestellt. Wenn auch eFuel in großem Maßstab hergestellt und die Erzeugung von Vorprodukten optimiert wird, dürften fürs grüne Benzin die Preise sinken. Schätzungen gehen davon aus, dass 2026, im optimalen Fall, der Literpreis schon auf 1,60 Euro gesunken ist. Und bereits 2030 könnte der Liter einer optimistischen Schätzung zufolge rund einen Euro kosten. Damit wäre er konkurrenzfähig mit den fossilen Kraftstoffen. Und bis dahin können eFuels zumindest dem fossilen Sprit beigemischt werden.

Welches Verkehrsmittel kann synthetischen Kraftstoff noch nutzen?

In Zeiten des Klimawandels gibt es einen neuen Begriff: Flugscham. Kein Wunder, dass die Luftfahrtbranche möglichst bald auf Öko-Kerosin umsteigen will. Wie Verbrennerautos können auch Flugzeuge den nachhaltigen Kraftstoff tanken.
Die Lufthansa ist Vorreiter, verfeuert bereits 10.000 Tonnen pro Jahr. Das reicht theoretisch für 100 Flüge von Europa nach Amerika – klingt viel, macht die Lufthansa aber pro Tag! Erst vor kurzem hat Airline-Chef Carsten Spohr daher gefordert, die Produktion von Öko-Sprit deutlich zu erhöhen.
Thematik eFUELS
Die Luftfahrtbranche will auf Öko-Kerosin umsteigen. Das könnte gegen die sogenannte "Flugscham" wirken.  
Der Weltluftfahrtverband IATA will sich in die gleiche Richtung entwickeln. Bis 2030 muss die Luftfahrtbranche zwei Prozent des eingesetzten Kraftstoffs aus nachhaltigen Ressourcen beschaffen. Das bedeutet: 200.000 Tonnen Öko-Kerosin sind dann jährlich nötig.