Porsche 911 R im Test (2016): Mitfahrt

Porsche 911 R im Test (2016): Mitfahrt

— 11.03.2016

Der Tarnkappen-Elfer

Die auf 991 Stück limitierte Auflage des 500 PS starken Porsche 911 R ist längst ausverkauft. Was haben wir verpasst? Eindrücke von der Mitfahrt!

Porsche kann exklusive Kleinserien wie kein Zweiter. Vor allem auf Elfer-Basis ist jedes limitierte Sondermodell eine Lizenz zum Gelddrucken. Selbst der 189.544 Euro teure 911 R war binnen 30 Sekunden nach Bestellfreigabe ausverkauft. Diese Strategie der künstlichen Verknappung zahlt nicht nur in die Firmenkasse ein, sondern auch in die Marke.

Video: Porsche 911 R (Genf 2016)

Der ultimative Elfer

Während Porsche die Großserie Zug um Zug auf Turbo umstellt, bleiben die spitzesten und schärfsten 911er dem emotionaleren Sauger treu. "Manche Menschen wollen die Freude am Fahren in ihrer reinsten Form genießen", weiß Andreas Preuninger, Herr über die GT-Sparte. "Der 911 R ist in gewisser Weise das Produkt der Funktionslust unserer Kunden." Sprach's, startet den Motor, legt den ersten Gang ein, setzt den Blinker – und ab zur großen Kennenlernrunde durch das verwinkelte Stuttgarter Hinterland.

Dezente Optik

Mittiger Auspuff, breite Backen, aber kein feststehender Heckflügel: Der neue 911 R ist ein dezenter GT3 RS.

Natürlich gibt es den 911 R auch als grellen Streifenwagen, doch die schlichte Garderobe steht ihm mindestens genauso gut. Die Breitspur-Karosserie samt Fahrwerk stammt vom GT3, Leichtbautechnik und Antrieb kennen wir vom GT3 RS. Kein Heckflügel? Hier orientiert sich der R am unverspoilerten Original aus dem Jahr 1967. Der Motor hat seine Ursprünge im Rennsport. Der unruhige Leerlauf erinnert an einen stromschwachen Herzschrittmacher, das Einlaßschlürfen klingt nach geordneter Schnappatmung, das Auspuffbollern rappt im Takt mit der lässigen Grundfrequenz des Vierliter-Boxers. Als neuer Solist im schwäbischen concerto grosso grüßt das rasselnde Schaltgetriebe. "Was Sie da hören, ist das optionale Einmassenschwungrad. Es ist fünf Kilo leichter und sorgt für ein noch spontaneres Ansprechverhalten. Die Geräusche sind Teil der Erlebniswelt. Wenn's stört, einfach die Kupplung treten."

Porsche 911 R: Sitzprobe, Preis, PS

Leichtbau in Reinform

Auf zur Drehzahl-Orgie: Wenn alles passt, braucht der 911 R 3,8 Sekunden für den Spurt von 0 auf 100 km/h.

Die rollende Resonanzkammer unterbietet mit 1370 Kilo (vollgetankt, fahrfertig) sogar den GT3 RS um 50 Kilo. Rücksitze gibt's keine, und der Leichtbau-Obermeister hat auch die Klimaanlage und das Navi kassiert. Die neue Sechsgang-Schaltbox werden wir im nächsten GT3 und GT3 RS wiederfinden, wo der Kunde erstmals zwischen Eigenleistung und Fremdvergabe wählen darf. Selbst Handschalt-Profis schaffen es nicht, mit dem R an die Beschleunigungszeiten des GT3 (3,5 Sekunden) oder gar des GT3 RS (3,3 Sekunden) heranzukommen. Wenn alles passt, braucht der 911 R 3,8 Sekunden für den Spurt von 0 auf 100 km/h. Kein Trumpf-Ass im Auto-Quartett, aber ein Erlebnis, das unter die Haut geht. Das Fahrwerk lässt sich selbst durch groben straßenbaulichen Unfug – Schlaglöcher, Querrinnen, Längsrinnen – nicht aus der Ruhe bringen. Souveränes Gleiten sieht zwar anders aus, aber hier zittert und stuckert nichts, die Lenkung tänzelt nicht um die Mittellage, die aerodynamische Stabilität und der saubere Geradeauslauf trotzen der hecklastigen Gewichtsverteilung mit Bravour.

Kampflinie im 911 R

Platz für Luxus ist im 911 R nicht. Auf Glanzlederbezüge müssen Pilot und Kopilot aber nicht verzichten.

Jetzt wird's ernst. Einmal auf Sport plus tippen, einmal die ESP-Taste acht Sekunden gedrückt halten, einmal sich sammeln und den Sitz des Gurtes überprüfen. Ein paar Augenblicke später brüllt der Silberling im dritten Gang die Anhöhe hinauf – Kampflinie! Preuninger legt schon im Anflug auf den Rechtsknick die zweite Fahrstufe ein, lenkt relativ spät ein, wartet einen Wimpernschlag, gibt dann erst Stoff. Keine Frage: Auch der 911 R zeigt den angeborenen Kurvenreflex, droht Übermütigen mit dem Gegenschlag, sträubt sich qualmend gegen zu viel Gas und überzogenes Gegenlenken. Doch der Vorderwagen hält den Radius wie ein Laserplotter. Wenn hier ein Radpaar ausbricht, dann sind es die 305/30 ZR 20 Walzen an der Hinterhand, die cremig abschmieren, sobald die 460 Nm Ernst machen.

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Schneller als GT3 und GT3 RS

Während die Hinterachslenkung das zackige Einlenken unterstützt, arbeitet die Schlupfregelung im Teamwork mit einer mechanischen Quersperre. Der schaltbare Klappenauspuff aus Titan dürfte bei Nachbarn wenig Anklang finden, denn er bellt seine Botschaft aus zwei dicken Endrohren so kehlig ins Land, dass bei der Vorbeifahrt schon mal Risse im Putz entstehen können. Akustisch auffällig ist auch die per Tastendruck aufrufbare Zwischengasfunktion, die das kapriziöse Schwungrad im Ansatz ruhigstellt. Immer wieder begeistert das Ansprechverhalten des hochdrehenden Saugers. Bei Vollgas im kleinen Gang knallt der Schädel unvorbereitet in die Kopfstütze, werden die Beine für Zehntelsekunden fast schwerelos, erstarrt der Oberkörper in einer Mischung aus momentaner Unbeweglichkeit und Verblüffung. Die Nennleistung fällt bei 8250 Umdrehungen an, die Drehmomentkurve erreicht den Zenith erst bei 6250 Touren. "Der 911 R kann bis in die Puppen drehen und aus dem entspannten Gleiten heraus ansatzlos zupacken", erklärt Andreas Preuninger. Diese Leistungscharakteristik passt perfekt zum Erscheinungsbild des unscheinbarsten aller Super-Elfer. Die kleinere Stirnfläche und der bessere cw-Wert machen den R zu einem besonders spurtstarken Autobahn-Express, der einen noch längeren Atem hat als seine extrovertierten Schwestermodelle. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 323 km/h ist der Inkognito-Racer schneller als der GT3 (310 km/h) und der GT3 RS (315 km/h).

Der nächste limitierte 911er wird kommen

Die 991 Auserwählten dürfen zwischen drei Lackfarben und zwei Innenraumfarben wählen. Zu den wenigen Extras gehören der verzichtbare Vorderachslift, Räder mit speziellem Finish, besagtes Einmassen-Schwungrad und Ganzlederbezüge. Der R ist vielleicht das letzte 991-Derivat – aktuell drehen GT2-Erlkönige ihre Runden. Vermutlich kommt schon 2017 die nächste Auflage des GT3; ein GT3 RS wird folgen, und in irgendeiner Form soll es auch wieder einen rundum reduzierten 911 R geben. Natürlich limitiert, aber diesmal – exklusiv für Sie, liebe Leser – mit drei Jahren Vorwarnung.

Porsche 911 R im Test (2016): Mitfahrt

Georg Kacher

Georg Kacher

Fazit

Der 911 R ist ein 500-PS-Elfer ohne Tamtam, aber mit der geballten Fahrdynamik des GT3. Der Sauger ist tot, lang lebe der Sauger!

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Sportwagen

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