VW Phideon (2016) im Test: Vorstellung und Fahrbericht

VW Phideon (2016): Vorstellung und Fahrbericht

— 19.08.2016

Phaeton-Nachfolger für China

VW bringt in China oberhalb des Passat eine Oberklasse-Limousine. Der Phideon beerbt den Phaeton und tritt mit Kampfpreisen an. Fahrbericht!

Den Phideon gibt es wahlweise mit Vier- oder auch einem Sechszylinder.

Vor knapp vier Jahren trafen sich Hu Maoyuan und der damalige VW-Boss Martin Winterkorn auf Wunsch des Chinesen zu einem dringenden Gespräch. Der SAIC-Chef und Joint Venture-Partner des deutschen Autobauers erklärte dem allgewaltigen Konzernlenker, dass er in China ein Auto oberhalb des Passats brauche, um langfristig erfolgreich zu sein – denn viele Kunden in Asien wollen den automobilen Aufstieg. Der Startschuss für den Phideon als inoffizieller Nachfolger des in China erfolgreichen Phaeton war abgefeuert. Die Namensähnlichkeit hat ihren Grund; der VW hat mit einer Länge von 5,07-Metern S-Klassen-Ausmaße, ist aber in der oberen Mitteklasse daheim.
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Im Reich der Mitte tritt er gegen den BMW 5er, den Audi A6 und die Mercedes E-Klasse an. Eine harte Aufgabe: Das teutonische Trio dominiert den Markt der Mittelklasse-Limousinen mit einem Verkaufsanteil von rund 75 Prozent. Deshalb greift SAIC-Volkswagen ab Anfang Oktober mit einer aggressiven Preispolitik an. Während die teutonischen Platzhirsche bei 400.000 Yuan (gut 53.000 Euro) starten, kostet der günstigste Phideon 359.000 Yuan (knapp 48.000 Euro).

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Viel Komfort und gute Dämmung

Der Fond des Phideon bietet viel Beinfreiheit und allerlei Annehmlichkeiten wie einen Kühlschrank.

Für diesen Preis bietet der Phideon dem chinesischen Autofahrer einiges: Massagesitze vorne und hinten garantieren Business-Class-Komfort und der Acht-Zoll-Bildschirm erleichtert die Bedienung. Das Leder des Sitzbezuges wird auch bei der Luxusmarke Louis Vuitton verwendet und die Holzapplikationen im Armaturenbrett stammen von ausgesuchten französischen Oliven-Eschen, die älter als 100 Jahre sein müssen. Die Verarbeitung und der Materialmix erreichen fast Audi-Niveau. Auch wenn man an manchen Schaltern und den konventionellen analogen Rundinstrumenten noch einen Unterschied zum höherpreisigen Konzernbruder erkennt. Sensoren überwachen ständig die Luftqualität im Innenraum und zwei Filter der Vier-Zonen-Klimaanlage reinigen diese – angesichts des Smogs, der in den chinesischen Metropolen herrscht, ein sinnvolles Detail. Damit der Lärm auch draußen bleibt, befindet sich eine 0,76 Millimeter dicke Polyvinylbutyral-Folie zwischen den Doppel-Glasscheiben. Der Kunstgriff gelingt: Der Phideon ist innen angenehm leise, auch wenn das leichte Knurren des Vierzylinders dennoch vernehmbar ist. Für Musik-Fans sorgt ein 730-Watt-Dynaudio-Sound-System mit 16 Lautsprechern für knackigen Klang. Die geschätzten Passagiere müssen sich nicht einmal anstrengen, die Türe vollständig zu schließen, das besorgt die Elektronik. Damit der Champagner auch immer richtig gekühlt ist, gibt es bei der Top-Ausstattung Flagship auch einen Kühlschrank zwischen den beiden hinteren Sitzen. Der fasst elf Liter und kühlt bis zu minus sechs Grad. Wenn man die Vollausstattung ordert, steigt der Preis der VW-S-Klasse auf 600.000 Yuan (rund 80.000 Euro).

Ein Vier- und ein Sechszylinder kommen zum Einsatz

Auftritt mit einigen Chromzierleisten, ansonsten dezentes und zeitloses Design.

Die Feinheiten kommen nicht von ungefähr: Der VW Phideon teilt sich die Plattform mit dem Audi A6 und hat modernste VW-Technik und Assistenzsysteme an Bord: unter anderem Nachtsicht, toter Winkel, 360-Grad-Kamera, Spurwechsel-Warner und ein Head-Up-Display. Zwei bekannte Motoren stehen zur Auswahl. Der Zwei-Liter-Turbo-Benziner mit 165 kW/225 PS und der Kompressor-Sechszylinder mit drei Litern Hubraum und 220 kW/300 PS. Im Zusammenspiel mit dem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe geben beide Triebwerke eine gute Figur ab. Der Vierzylinder ist für den hiesigen Großstadtverkehr und entspannte Autobahnfahrten ausreichend kräftig. Allerdings gibt es den kleineren Benziner nur mit Frontantrieb und Stahlfahrwerk, das aber seinen Federungs-Job gut verrichtet. Wer auf Luftfederung und permanenten Allrad besteht, muss zum kräftigeren Modell greifen, das Unebenheiten ebenfalls locker wegsteckt. Da der Phideon zunächst nur für den chinesischen Markt bestimmt ist, ist der Komfort die ganz große Stärke des Newcomers. Sobald es dynamisch zur Sache geht, taucht der gut 1,8 Tonnen schwere Phideon selbst beim Fahrmodus "Sport" beim Anbremsen vorne ein und auch die Lenkung lässt die europäische Straffheit vermissen. Wobei der kräftigere Benziner dank des maximalen Drehmoments von 400 Newtonmetern souveräner wirkt als der kleine Antriebs-Bruder und den Nobel-VW entspannt in 6,1 Sekunden auf 100 km/h bringt und erst bei 250 km/h durch die Elektronik gestoppt wird.

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Ein Export ist nicht ausgeschlossen

Das Cockpit ist hochwertig gestaltet; der Fahrer findet sich dank VW-typischer Gestaltung schnell zurecht.

Der Phideon kann zum Erfolgsmodell werden. Die Zeiten des überbordenden Bling-Bling, des statusbewussten Ich-zeige-was-ich-habe, neigen sich im Reich der Mitte so langsam dem Ende zu. Understatement und Luxus ohne großflächig aufgedruckte Markennamen sind in. Außerdem geben die Chinesen ihr Geld mittlerweile bewusster aus. Die Zahl der wirtschaftlich wohlhabenden Bürger, die sich keinen sündhaft teuren Importwagen leisten wollen, nur um den Erfolg zu visualisieren, steigt an. Genau diesen Zeitgeist trifft der bezahlbare Phideon mit seinem Luxus-Ambiente. Und wenn die Plug-in-Hybrid-Version auf den Markt kommt, gibt es noch einen Grund mehr, den VW zu kaufen. Momentan kommen nur die Chinesen in den Genuss des Luxusmobils. Einen Export in andere Märkte schließen die SAIC-VW-Manager nicht aus. Im Visier ist vor allem Südkorea, einer der größten Limousinen-Märkte weltweit, auch wenn VW dort momentan aufgrund der Diesel-Affäre einen schweren Stand hat. Nur Europa soll auf der Phideon-Landkarte ein weißer Fleck bleiben.

VW Phideon (2016) im Test: Vorstellung und Fahrbericht

 

Autor: Wolfgang Gomoll

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