Die 90er-Jahre gaben autotechnisch richtig Gas. In der Dekade vorm Jahrtausendwechsel durften blechgewordene Leidenschaften stärker knistern als in den stilistisch eher prüden 80ern. Denn was die Mode vormachte, galt auch für die Autos: Nach Schlabberlook und Schulterpolstern waren figurbetonte Wagen gefragt, Farbe musste her! Die ersten Benze in türkisgrün-metallic tauchten auf, ein unerhört lauter Farbton. Auch mit der Technik ging es voran, unter der Haube ging's zur Sache, beispielsweise bei der natürlichen Steigerung eines teuflischen Lamborghini, der zum Roadster mutierte. Klare Sache: Wer schnell war, wollte das auch zeigen, Muskel-Look war hot, und die Grenze zwischen sexy und vulgär verlief fließend. Wenn ein Giftzwerg von Renault goldene Alus trug, dann konnten sich unter der Haube schon mal 150 Pferde drängeln.

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BMW 540i (E34)
BMW 540i (E34)
BMW 540i (E34)
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Achtzylinder-Klassiker: Schnäppchen mit V8-Motor

Dachfreier Kampfstier: Lambo Diablo VT

Lamborghini Diablo VT Roadster
Lamborghini Diablo VT Roadster: Wer diesen Lifestyle lebte, zahlte 395.000 Mark. Nur für das Auto, ohne Jet.
Bild: Roman Raetzke
Den Anfang macht ein wahrer Kampfstier, der Lamborghini Diablo VT Roadster. Als der amerikanische Autogigant Chrysler Lamborghini übernimmt, ist die kleine Sportwagenschmiede ein Pflegefall. Einziges Baby aus dieser Ehe ist der Diablo. Besonders viel Spaß macht der Zwölfzylinder-Satansbraten als Roadster mit 492 PS und Allradantrieb. In all seiner Offenheit taugt das Roadster-Cockpit als Sonnenliege für den Beifahrer - denn Platz ist genug. Kleine und große Jungs lieben die Klappscheinwerfer und die extremen Proportionen. Auto-Ästheten die offene Schaltkulisse. Formel-1-Held Michael Schumacher prügelt für AUTO BILD 1994 fünf Supersportler um die Rennpiste. Sein Urteil über den Diablo VT: "Er benimmt sich zivilisierter, als er aussieht. Kraftentfaltung und Sound überzeugen. Das Fahrwerk ist eher auf Komfort als auf pure, beinharte Sportlichkeit abgestimmt."

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Toyta RAV4
Bugatti EB 110
Opel Calibra
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Die coolsten Autos der 90er-Jahre

Luxuskombi in Kreischfarbe: W 210

Mercedes E 430 T-Modell
Mercedes W210: ein V8-Kombi mit großem Laderaum, solider Technik, schnell und von gelassener Eleganz.
Bild: Götz von Sternenfels
Der W 210 macht es Mercedes-Sympa­thisanten schwer, ihn gut zu finden. Das Vieraugen-Gesicht schaut zu unernst, die Streuscheiben der Scheinwerfer vergilben, was erst billig und dann verlebt aussieht. Nach dem kla­ren, linearen Hundertvierundzwanziger wirkt der Nachfolger selt­sam konturlos und teigig. Und natürlich hängt ihm der Ruf des Rosters in den Kleidern. Das ist seine hässliche Seite, jenes sonst so gediege­nen Wagens der oberen Mittelklasse, der altmodisch komfortabel federt, schrun­dige Pisten willig schluckt und dabei deut­lich leiser läuft als sein Vorgänger. Der Zwozehner fährt mo­dern, soft gefedert, ausgewogen gedämpft und so gut gedämmt, dass der Motor weit entfernt klingt. Und wenn einer der seltenen Achtzylinder unter der Haube steckt, wie beim E 430, dann ist auch Kraft ohne Ende vorhanden. Es steckt so viel Neues im W 210, dass er vielleicht alt aussieht, sich aber nicht so bewegt. Im Gegensatz zur Karosserie ist die Tech­nik zeitlos. Wer jetzt einen Vieraugen-Benz nimmt, hat die Gewissheit, dass die Fuhre ohne viel Zu­wendung und auch nach einer Viertelmil­lion Kilometern weiterlaufen wird.

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BMW 316 E21 (1981) BMW 323i E36 (1995) BMW 320i E30 (1983)
BMW 323i E36 (1995) BMW 316 E21 (1981) BMW 320i E30 (1983)
Designskizze BMW E21 von Paul Bracq (1974 )
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Seit 1975: Welcher dieser drei Generationen 3er-BMW ist der beste?

Wilder Giftzwerg: Renault Clio Williams

Renault Clio Williams
Renault Clio Williams: Die Kombination aus goldenen Rädern und reichlich PS waren seine Insignien.
Bild: Roman Raetzke
Der Renault Clio Williams riecht nach jugendlichem Übermut, schon sein Name ist völlig überdreht. In der Leichtigkeit und Unbedarftheit liegt der Reiz dieses Autos. Der Zweiliter des Clio Williams ba­siert auf dem 1,8-Liter-Vierzylinder (F7P) des Renault Clio 16V (136 PS). Renault Sport bohrt diesen Motor auf und betreibt dazu klassisches Tuning: größere Ventile, schärfere Nocken­welle, geänderte Kurbelwelle, Krüm­mer, Ölkühler. Außerdem bekommt der Williams eine neue Vorderachse mit Querlenkern nach Art des Renault 19, dazu straffere Federn, Spurver­breiterung vorn und Speedline-Aluräder in Gold. Alle Autos sind im Farbton 449 Sports Blue lackiert. Der Williams leistet bei 6100/min 147 PS und wiegt leer nur 990 Kilo. Das Fahr­werk ist knackig mit Restkomfort. Und die Lenkung ist so stramm, wie sie in so einem wendigen Hobel sein muss. Pardon, leider geil!

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Mercedes-Benz SL R 129 W 198
Alfa Romeo 164
Alfa Romeo 166
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Prognose: die Auto-Klassiker von morgen

3er-Cabrio mit M-Power

BMW M3 E36 Cabrio
BMW M3 Cabrio (E36): Außen schwarz, innen schwarz, keine Bezeichnung - hier ist der Motor das Wichtigste.
Bild: Sandra Beckefeldt
Mit der Baureihe E36 kam BMW auch deshalb so gut durch die uneitlen 90er, weil sie zurückhaltend und nüchtern war. Von außen schwarz, innen schwarz, keine Modellbezeichnung –  der Motor ist in diesem Auto der Star. Den Reihensechszylinder mit drei Liter Hubraum stellte BMWs Motorsportab­teilung M GmbH Anfang der 90er fertig. Mit allerfeins­ter Mechanik: für jeden Zylinder eine Ein­zeldrosselklappe, vier Ventile, auf der Einlassseite gesteuert durch eine ver­stellbare Nockenwelle namens "Va­nos". Ansprechverhalten und Dreh­freude waren spitze, die Literleistung erreichte den Saugmotoren-Rekord­wert von 95,7 PS. Nur 6,2 Sekunden braucht das Cabrio von null auf 100. Wind, Geräusche, Gerüche: Nicht die maximale Geschwin­digkeit zählt hier, sondern die Mischung aus Umwelteinflüssen und Fahrdynamik. M3 Cabrio fahren ist: draußen spielen!

Universalgenie mit Camperqualität: VW T4 California

VW T4 California Coach
VW T4 California Coach: Bei hochgeklapptem Dachbett können selbst große Menschen problemlos stehen.
Bild: Harald Almonat
Was macht ein Camper in dieser Reihe? Es genügt, das Wort California in den Mund zu nehmen. Schon verklären sich Blicke, in Kopf-Kinos beginnen Filme zu laufen. Heute wie damals. So ist der VW T4 California mit seinen 4,65 Meter Länge nur gerade mal neun Zentimeter länger als ein aktueller Golf. Doch in dem können nicht vier Menschen wohnen. Im California schon und das hat diesen Universalbegabten unter den automobilen Pragmatikern schon früh zum Ob­jekt einer großen, nie verlöschenden Liebe werden lassen. Die teuer war: Rund 50.000 Mark forderte Volkswagen 1991, als der T4 California seine Laufbahn startete. Noch heute stehen die Fans Schlange, die Preise für alte Calis ziehen spürbar an. Denn immer noch erfüllt er gut und problem­los alle Aufgaben, die man ihm stellt. Der Ca­lifornia ist komplett alltagstauglich, beson­ders mit dem flachen Faltdach, das ihn mit 1,97 Meter Höhe zum garagentauglichen Personenwagen schrumpfen lässt. Zudem bauten Volkswagen und West­falia ihn bewusst langlebig: AUTO BILD stellte 1994 nach einem fabelhaft bestan­denen 100.000-Kilometer-Dauertest lapi­dar fest, der California sei eben der Golf unter den Wohnmobilen.